Stellungnahme zu den Äußerungen der Direktorin der SFVV

Mit Befremden habe ich die Äußerungen der Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Frau Dr. Bavendamm, im heutigen ARD-Interview zur Kenntnis genommen. Das Fehlen eines polnischen Mitglieds im neuen Wissenschaftlichen Beraterkreis der Stiftung – im Gegensatz zum früheren Beraterkreis, dem bis zu ihrem Rücktritt Mitte 2015 sogar zwei polnische Wissenschaftler angehörten – versucht sie unter anderem politisch zu deuten, als wäre die Situation für die polnischen Historiker unter der jetzigen Regierung schwieriger als zuvor. Dem muss ich vehement widersprechen.

Auch die polnischen Mitglieder des früheren Beirats genossen keine Akzeptanz der liberalen Vorgängerregierung in Polen und waren Anfeindungen unterschiedlichster Art ausgesetzt (persönlich, institutionell). Sie haben trotz solcher Widerstände im eigenen Land in der SFVV über Jahre hinweg mitgearbeitet, bis sie dies aus inhaltlichen Gründen der Stiftungsentwicklung nicht mehr verantworten zu können glaubten.

Der Grund für das Fernbleiben polnischer Wissenschaftler aus dem neu zu berufenden Beraterkreis ist daher ein ganz anderer, als Frau Bavendamm ihn benennt: Seit dem Rücktritt der meisten Mitglieder des international besetzten Beirats hat sich in der Struktur der Stiftung nichts verändert (vgl. die Stellungnahme von ehemaligen Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung). Der wissenschaftliche Beraterkreis ist nach wie vor ein Debattiergremium ohne Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Stiftung und ihre Produkte, insbesondere auf die künftige Ausstellung.

Da im jetzigen Stiftungsrat, dem politischen Gremium der Stiftung, nach wie vor die Vertreter der Vertriebenenorganisation BdV und ihnen nahestehender Abgeordneter in der Mehrheit sind, wurden (und werden vermutlich auch in Zukunft) viele inhaltliche Vorschläge des Beirats blockiert. In dieser Situation schätze ich die Chancen für die Gewinnung eines seriösen polnischen Wissenschaftlers als überaus gering ein.

Das hat aber weniger mit der Situation in Polen zu tun als vielmehr mit den Strukturproblemen der SFVV in Deutschland.

Mehr Siehe:

Bernhard Schulz, In die Mitte der Gesellschaft, in: „Der Tagesspiegel”, 17.10.2016

Magdalena Gwóźdz, Polak pilnie poszukiwany, in: „Deutsche Welle”, 22.10.2016

Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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