Die Initiative zum Bau eines Polen-Denkmals in Berlin. Thesen zur Diskussion

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Die Initiative zum Bau eines Polen-Denkmals in Berlin ist in eine neue Phase getreten. Nach der offiziellen Ankündigung des Projekts fanden viele Diskussionen statt. Auch die Medien interessierten sich dafür. Viele Artikel wurden veröffentlicht. Selbst Politiker waren an dem Projekt interessiert. In Berlin wurde ein Koordinationsbüro eröffnet. Einige der Stimmen „für und gegen“ den Bau des Polen-Denkmals versammelt eine Publikation, die dank der Bundeszentrale für Politische Bildung in Berlin herausgegeben wurde. Wir sind nun in einer guten Position, um das Projekt noch einmal genauer zu betrachten, seine Stärken und möglicherweise auch seine Schwächen aufzuzeigen. Ich habe in der Vergangenheit schon oft zu diesem Thema gesprochen, daher wird dies auch eine Gelegenheit für mich sein, meinen eigenen Standpunkt zu überprüfen.

These 1

Die Diskussion über die Initiative zum Bau eines Polen-Denkmals in Berlin ist die erste Debatte in Deutschland nach vielen Jahren über die Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges und seiner ersten Opfer, der polnischen Staatsbürger.

These 2

Die von einem Teil der deutschen Zivilgesellschaft angestoßene Debatte betraf das in seit Jahren gepflegte Bild von Deutschland als Meister der Vergangenheitsbewältigung und stellte diese Ansicht in Frage.

These 3

Die Initiative hat auf die unterschiedliche Behandlung von Opfern des nationalsozialistischen Regimes aufmerksam gemacht.

These 4

Die Initiative zum Bau eines Denkmals soll kein Bestandteil des Vergangenheitsstreits zwischen Polen und Deutschland sein, sondern als Einladung zu einer substantiellen Diskussion über die Vergangenheit, auch in der moralischen Dimension, verstanden werden.

These 5

Die sich entwickelnde Debatte über die Initiative des Baus eines Polen-Denkmals hat langfristig zufolge, dass der bisherige Umgang mit der Vergangenheit verändert, die Aufmerksamkeit auf die Komplexität der Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik auf die einzelnen Nationen in Mittel- und Osteuropa gelenkt wird und schließlich die deutsche Gesellschaft für die Probleme im Umgang mit Deutschland in jenem Teil Europas sensibilisiert wird.

Ich werde mich auf die oben aufgeführten Thesen beziehen. Sie schließen den Fragenkatalog nicht ab, sondern sollen zu weiteren vertiefenden Diskussionen anregen.

Zu 1

Seit der Jahreswende 1989/90 sind 30 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat es keine Debatte mit Beteiligung beider Gesellschaften gegeben, die sich mit der gemeinsamen Vergangenheit als Ganzem hätte befassen müssen. Wenn dies geschah, wurde nicht miteinander, sondern nebeneinander diskutiert. Dies lässt sich gut an zwei wichtigen Debatten veranschaulichen: Zwangsmigration und Entschädigung von Zwangsarbeitern. Im ersten Fall war die initiierende Seite Warschau, und in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gab es in Polen viele Diskussionen über die Vertreibung der Deutschen und die Einstellung zum deutschen Kulturerbe. Mit wenigen Ausnahmen blieb die polnische Grundsatzdebatte in Deutschland unbemerkt. Die deutsche Debatte über die Entschädigung von Zwangsarbeitern, auch aus Polen, wurde von der deutschen Gesellschaft an der Wende der 1990er Jahre und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts rege geführt. Unzählige Bürgerinitiativen wurden gestartet. In Polen wurde dieser Prozess nicht erfasst, nur die Höhe der Zahlungen war von Interesse. Die Diskussion über den Zweiten Weltkrieg trat damals in den Hintergrund und war nur in den Kreisen der Historiker präsent. Sie trat vor allem anlässlich von runden Jahrestagen in Erscheinung.

Zu 2

Die kritischen Stimmen, die nach der Vorstellung der Initiative zum Bau eines Denkmals aufkamen, zeigten, dass die Auseinandersetzung mit dem in der Vergangenheit verwurzelten Bild Deutschlands als Vorreiter in Sachen Bewältigung Ablehnung hervorruft. Es schien, als ob nach einer langen Debatte über die Verbrechen des Holocaust und die Einbeziehung der Opfer des Dritten Reiches (Sinti und Roma, Homosexuelle) in den 1990er Jahren, die bisher nicht berücksichtigt worden waren, die Beschäftigung mit der Vergangenheit endlich beendet würde. Allerdings bewirkten die politischen Folgen des Umbruchs von 1989/90 und des anschließenden Zusammenbruchs der UdSSR, dass die Vergangenheitsverarbeitung für die Deutschen wieder aktuell wurde. Der von Moskau aus geführte vereinigte Ostblock hörte auf zu existieren. Unabhängige Staaten entstanden aus seinen Ruinen, mit all dem bekannten Gepäck der Vergangenheit. Die heute formulierte Kritik, den Opfern aus dem sogenannten Osten sollte ein einziges kollektives Denkmal gewidmet werden, ist ein Beispiel für mangelndes Verständnis für die eingetretenen Veränderungen. Ich möchte hier keine große Diskussion über die Behandlung einzelner Nationen durch Nazi-Deutschland oder über die sowjetische Politik ihnen gegenüber führen. Dies sind allgemein bekannte Dinge. Alle Länder und Nationen in einen Topf mit dem „Ost“-Aufkleber zu werfen, ist nicht die richtige Lösung. Sie stellt das Wesen der Art und Weise, wie die Auseinandersetzung in Deutschland mit der Vergangenheit stattfindet, unter ein großes Fragezeichen.

Zu 3

Die zweite These ist mit der dritten verknüpft. In der deutschen Gesellschaft gibt es noch zu wenig Sensibilität für das Schicksal der Staaten / Nationen hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang. Die Emanzipation dieser Staaten/Völker nach 1989 ließ den Kampf um die Wiederherstellung der Erinnerung an ihr Schicksal nicht unberührt. Ein Beispiel ist der 23. August als Europäischer Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nazismus, der seit 2008 begangen wird. Trotz der Erfahrung zweier Diktaturen in Osteuropa wird er von Westeuropa ignoriert, während Berlin diesen Tag und seine Bedeutung zur Kenntnis nimmt, aber keine weiteren Schritte unternimmt. Das Wissen über das Ausmaß der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der UdSSR, auch im Hinblick auf die Repressionspolitik, ist auf den Kreis der Spezialisten beschränkt und hat die breite Öffentlichkeit nicht erreicht. Das Interesse an den Schicksalen polnischer Staatsbürger nach dem 17. September 1939, also nach dem Einmarsch der Roten Armee in das östliche Gebiet der Polnischen Republik, ist praktisch nicht vorhanden.

Zu 4

In den letzten Jahrzehnten sind im deutschen öffentlichen Raum mehrere wichtige Denkmäler errichtet worden. Der Schaffung jedes einzelnen von ihnen ging eine lange Debatte voraus. Dasselbe kann mit der aktuellen Initiative geschehen. Heute ist es schwierig vorauszusagen, welche Größe und Wirkung sie haben wird. Der begonnene Prozess sollte jedoch fortgesetzt werden. Es ist nicht wichtig, ob es ein traditionelles Denkmal geben wird oder, wie vorgeschlagen, eine Installation, die die Zeit des Zweiten Weltkriegs näherbringt (mit Blick auf die junge Generation von Deutschen und auch der Migrantinnen und Migranten). Damit die Debatte an Fahrt gewinnt, ist es jedoch wichtig, den Charakter der zukünftigen Anlage zu betonen. Es geht nicht darum, Positionen zu konfrontieren, die moralische Überlegenheit der einen Seite gegenüber der anderen zu demonstrieren, sondern Schlussfolgerungen zu ziehen und den Dialog zu fördern. Die scheinbar „ausgelöschten“ Worte „Nie wieder Krieg“ gewinnen in diesem Zusammenhang wieder an Bedeutung.

Zu 5

Die Aufmerksamkeit auf die Sensibilität der anderen Seite zu richten, ihr Leiden zu akzeptieren und ihr angemessen zu gedenken, ist ein wichtiger Schritt, um bestehende Probleme in den historischen Beziehungen zu vermeiden. Trotz unserer Präsenz in der EU und der Erreichung gemeinsamer Ziele haben wir gesehen, dass die Vergangenheit, dieses „Schlechte“, „nicht Getane“, immer wieder zurückkehren kann. Besonders heute ist dies im Zusammenhang mit den Bedrohungen durch Populisten in verschiedenen Ländern sichtbar. Polen und Deutschland sind keine Ausnahme. Der Mangel an Partnerschaft auch in historischen Fragen wird von populistischen Parteien (für interne Zwecke) und EU-feindlichen Staaten oft instrumentalisiert. Das letzte Beispiel sind die pseudohistorischen Angriffe auf Polen durch den russischen Präsidenten Putin. Die Initiative des Denkmals in einer breiteren Perspektive kann daher zum Abschluss dieses Kapitels in den bilateralen Beziehungen beitragen und zu einer Änderung der Art und Weise führen, wie mit der Vergangenheit umgegangen wird. Die letzten überlebenden Zeugen/Opfer dieser Ereignisse könnten bei der Enthüllung des Denkmals anwesend sein. Dies ist ein äußerst wichtiger und einzigartiger Anlass, um der jungen Generation eine „menschliche“ – auf eine bestimmte Biographie reduzierte – Dimension dieser tragischen Jahre zu zeigen.

 

O autorze

Krzysztof Ruchniewicz

historyk, niemcoznawca, profesor tytularny, dyrektor Centrum Studiów Niemieckich i Europejskich im. Willy’ego Brandta, fotograf, bloger i podcaster.

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historyk, niemcoznawca, profesor tytularny, dyrektor Centrum Studiów Niemieckich i Europejskich im. Willy’ego Brandta, fotograf, bloger i podcaster.

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