Polen im vereinigten Europa. Bilanz nach 10 Jahren

Auf meinem Blog, der vor allem an die polnischen Leser gerichtet ist, veröffentliche ich keine Texte in anderen Sprachen. Allerdings mache ich ab und zu Ausnahmen. Zu diesen Ausnahmen gehören Texte, die für mich wichtig sind und mit denen ich einen größeren Lesekreis erreichen will. In der Vergangenheit brachte ich einen Text über die aktuellen Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen. Auch diesmal mache ich eine Ausnahme. Das 10jährige Jubiläum der polnischen EU-Mitgliedschaft gehört zu solchen. In den letzten Tagen habe ich in Deutschland an unterschiedlichen Konferenzen und Diskussionen teilgenommen. Über die sogen. Russlandversteher hatte ich bis dahin nur in der Presse gelesen. Nun bin ich mit diesen Haltungen ganz krass konfrontiert worden. Sie geben viel Material zum Nachdenken. Aus diesem Grund freue ich mich, dass die nächste Ausgabe der Kulturzeitschrift „Silesia Nova” dem Thema die Ukraine-Krise viel Platz gewidmet hat. Dort finden Sie Texte polnischer, deutscher und ukrainischer Autoren. Auch mein Text über polnische EU-Mitgliedschaft ist dort vollständig abgedruckt worden.

Quelle: Internet.

Viele polnische Medien befassen sich in den letzten Wochen mit der Bilanz der zehnjährigen Präsenz Polens in der Europäischen Union. In den meinungsbildenden Wochenzeitschriften gibt es zu diesem Thema Sonderbeilagen, die deutlich zeigen, wie sich Polen in diesem Zeitraum veränderte, welchen Einfluß das Geld aus Brüssel und die Öffnung der Märkte für den Handel, Dienstleistungen und Personen hatten. Die Diskussionen mit Politikern, Analytikern sowie bedeutenden Persönlichkeiten werden im Radio und Fernsehen präsentiert. Nach seiner Meinung ist auch der polnische Otto Normalverbraucher gefragt.

Aufsehen weckte der von der Regierung in Auftrag gegebene Fernsehspot, der mithilfe von alten und zeitgenössischen Bildern zusammen mit dem Lied „Hey Jude“ von The Beatles im Hintergrund große Transformation Polens seit 1989 zeigte: von einem armen Land mit einem krabbelnden Kapitalismus bis hin zum Staat mit modernen Straßen, Sportstadien und zufriedenen Menschen.

Das Bild wurde in der Tat sehr vereinfacht, aber können wir uns anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Wiedererlangung der Souveränität und des zehnjährigen Jubiläums des EU-Beitritts eine solche optimistische Metanarration über uns selbst nicht leisten? Vielleicht ist diese Narration einseitig, aber sie trifft doch den Kern der Wahrheit ….

Die Opposition begann Alarm zu schlagen, daß die regierende Partei am Vortag der EU-Parlamentswahlen mithilfe dieses kurzen Fernsehspots versuche, größere Unterstützung bei der Bevölkerung zu bekommen, indem sie an den Aufstieg Polens erinnerte (wenn man seit 2007 an der Macht ist, fällt es schwer, nicht auch an eigene Verdienste zu erinnern). In dem Fernsehspot fehlten allerdings jegliche Hinweise auf die politischen Gruppierungen; auf die Gesichter der bekannten Persönlichkeiten der politischen Bühne zusammen mit dem Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa wurde bewußt verzichtet. Es gibt nur einen gemeinsamen Helden, die anonymen Polen und die einzige zu erkennende Persönlichkeit ist … Paul McCartney, der während des Konzerts in Warschau 2013 gefilmt wurde.

Staatspräsident Bronisław Komorowski und Premierminister Donald Tusk sprachen in den letzten Tagen, auch am Tag der 3.-Mai-Verfassung, noch einen anderen Aspekt der EU-Zugehörigkeit Polens an, die Sicherheit des Landes. Wegen des sich zuspitzen- den Konflikts hinter der östlichen Grenze unseres Landes ist das ein nicht zu unterschätzendes Argument, es wird von vielen Polen mit Sorge gesehen und anerkannt. Die Zustimmung für die EU-Mitgliedschaft der Polen ist mit derzeit 89 Prozent nach wie vor groß. Gleichzeitig muß man betonen, daß der Durchschnittspole keine Zustimmung gibt für die schnelle Einführung des Euro und die Vertiefung der politischen Integration, die die Kompetenzen der Landesregierung einschränken würde. Dieser hohe Prozentsatz ist allerdings Ausdruck einer generellen Akzeptanz und Freude infolge der westlichen Ausrichtung der polnischen Politik und der polnischen Veränderungen.

Der Erfolg des polnischen Beitritts ist nicht nur der Erfolg des Staats oder seiner politisch-intellektuell-finanziellen Eliten, sondern auch der aller Durchschnittsbürger – der Angestellten und Bauern, oder der Nutzer der Straßen und Schwimmbäder –, all jener, denen die Integration erlaubt zu arbeiten, von der neuen Infrastruktur zu profitieren oder wenigstens Befriedigung beim ungehinderten Überschreiten der Ländergrenzen zu verspüren. Diese Mischung aus Freude und Verwunderung, die Millionen Polen immer wieder empfinden, wenn sie die Grenzen ohne Schranken oder Zoll passieren, ist für Westeuropäer kaum verständlich. Vielleicht empfinden so nur die, für die der „Eiserne Vorhang“ nicht nur ein historischer Begriff, sondern noch frische persönliche und überdies eine sehr unangenehme Erinnerung ist.

Die Bilanz der polnischen Mitgliedschaft in der EU läßt sich am schnellsten und besten mit statistischen Angaben beschreiben. So gingen auch unsere größten Medien vor, um ihren Landsleuten die Auswirkungen der Integration für Polen aufzuzeigen. Diese Angaben könnten auch für die sogenannten alten EU-Mitglieder von Interesse sein, und das nicht nur, um die Aufwendungen europäischer Steuerzahler zu verdeutlichen, sondern auch den Einfluß der Verbesserung der Situation in Polen auf den Zustand seiner Nachbarn, der ganzen EU. Es ist gut, darüber zu sprechen, denn allzu oft wird die Osterweiterung als unnötige Last empfunden, die die Westeuropäer trotz Ablehnung oder Widerstand in der eigenen Bevölkerung auf sich genommen haben.

Die finanzielle Unterstützung der „armen Vettern“ aus dem Osten ist aber doch rentabel – sie festigt den europäischen Wohlstand und entwickelt den gemeinschaftlichen Binnenmarkt in allen Bereichen weiter (Handel, Produktion, Zugang zu Arbeitskräften). Zudem werden so Investoren weltweit ermuntert, ihr Interesse auf die ostmitteleuropäische Wirtschaft zu lenken, was vielleicht auf den Weg zu stabiler Entwicklung führt. Zwar werden diese Auswirkungen von der weltweiten Finanzkrise überschattet, aber hoffentlich werden die politischen und ökonomischen Bemühungen schließlich zum Ziel, beziehungsweise zur Beendigung der absteigenden Tendenz in der Wirtschaft führen.

Das polnische Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg in den ersten fünf Jahren um etwa ein Drittel und überstieg damit das jährliche Wachstum von 5 Prozent. Nach zehn Jahren betrug der Zuwachs des BIP 46 Prozent, zweimal so viel wie der Tschechiens und dreimal so viel wie in Ungarn. Das Durchschnittseinkommen eines statistischen Polen betrug 2003 ca. 50 Prozent der EU-Durchschnitts. Heute beträgt es 70 Prozent. In den letzten zehn Jahren bekam Polen 340 Milliarden Złoty aus europäischen Mitteln. Ähnlich viel bekommt Polen bis 2020. Nach Polen flossen 700 Milliarden Złoty von ausländischen Investoren. Mitglied der EU zu sein, bedeutete für die Investoren ein wichtiges Signal und Ermunterung zur Geldanlage und Durchsetzung von Ideen.

Der Export nahm gewaltig zu, obschon auch Polen unter den Krisenjahren 2008–2010 etwas gelitten hatte. Zur Zeit ist Polen auf dem achten Platz unter den EU-Ländern, mit 3,5 Billionen Złoty jährlichem Umsatz. Polen exportiert Lebensmittel, allerdings ist der Verkauf von Autos, Elektronik, Maschinen, Metall und anderen Rohstoffen rentabler. Weniger positiv sieht die Arbeitslosigkeit aus. In den ersten fünf Jahren verringerte sich die Arbeitslosigkeit um die Hälfte (bis weniger als 10 Prozent), auch dank der Abwanderung von Arbeitskräften in verschiedene EU-Länder, die sich nicht vom „polnischen Klempner“ erschrecken ließen, und wegen der Unternehmensentwicklungen im Land.

Jährlich arbeiten über eine Million Polen legal im Ausland – die meisten in Großbritannien, Deutschland, Irland und Frankreich. Die polnischen Arbeiter im Westen bilden nach wie vor ein ständiges Bild des dortigen Arbeitsmarktes, obschon kein bedeutender Sturm auf die deutsche Arbeitsplätze zustande kam, wovor westlich der Oder und Neiße lange Ängste präsent waren.

Die Arbeitslosigkeit stieg allerdings in den letzten Jahre bis zu 13 Prozent. Auf diese Situation nimmt die ungünstige Wirtschaftssituation in der EU selbst sowie die Existenz der sogen. grauen Zone in Polen immer noch einen großen Einfluß. Man muß jedoch betonen, daß sich sogar in den schlechtesten Jahren der europäischen Wirtschaft der polnische Teil durch eine stete Zuwachstendenz auszeichnete.

Gestiegen sind die Erträge polnischer Dörfer. Die landwirtschaftliche Produktion, die nach Meinung rechter Euroskeptiker nach dem Beitritt hätte geradezu zum Erliegen kommen müssen, steigerte sich um fast 50 Prozent, was weniger mit dem Anstieg der Marktaufnahmekapazität zu tun hatte als mit dem Verlangen der Europäer nach polnischen Lebensmitteln. Allein die sogenannten EU-Hilfsfonds, deren Bedeutung selbst die polnischen Euroskeptiker nicht anzweifeln können, unterstützten die Entwicklung Polens bisher mit 54 Mrd. Euro.

Langsam ändert sich die Struktur der Landwirtschaft. Der Anteil größerer, für den Markt produzierender Betriebe steigt. Der Maschinenpark der polnischen Landwirtschaft wird modernisiert, neue Häuser werden gebaut. Das ist eine sehr gute Entwicklung, auch wenn wir die großen Gewinne des polnischen Lebensmittelexports berücksichtigen. Aber wir müssen gleichzeitig anmerken, daß die Bedeutung der Landwirtschaft für das BIP ständig abnimmt (heute ca. 4 Prozent), obschon auf dem Lande immer noch eine große Gruppe von Polen wohnt (ca. 40 Prozent). Zwar nahm die Zahl der neuen Häuser, gar Siedlungen in den Dörfern zu, aber ihre Besitzer arbeiten in der Stadt.

Die Bedeutung der EU-Förderprogramme können auch die EU-Skeptiker nicht leugnen. Nachdem sich katastrophale Prognosen nicht verwirklicht haben, sollen nun angebliche Diskriminierungen im Umgang mit dem polnischen Geldnehmer belegt werden (z.B. in der Höhe der Zuwendungen für die Landwirtschaft im Vergleich mit der westlichen Partnern). Ein Teil dieser Zuwendungen wurde für die Modernisierung der Straßennetze und Eisenbahnlinien aufgewendet, die sich in miserablem Zustand befanden. Aber auch kleine Orte fern der geplanten Autobahnen profitieren von der Förderung durch die EU – Wasserleitungen, Abwassersysteme, Landstraßen, öffentliche Objekte. Der Nutzen dieser an Polen zugewiesenen Mittel wird als sehr hoch bewertet. Warschau gehört zu den Spitzenreitern bei der Nutzung von EU-Fördermitteln, obschon aus der Perspektive des Landes die Verspätung in der Realisierung von vielen Vorhaben irritiert.

Generell gesehen hat aber Polen diesen späten Marshallplan sehr gut genutzt. So etwas ist nämlich der Entwicklungsimpuls, verbunden mit internationaler Sicherheit, relativer Ruhe im Inland und Optimismus der Bürger, den Polen bisher eigentlich nie erlebt hat. Dabei geht es hier nicht nur um die Nivellierung der unterschiedlichen Lebensstandards in Polen und den reicheren EU-Ländern, sondern auch um die Verminderung der Unterschiede im Inneren, die Soziologen, Ökonomen, Publizisten mit „Polen A“ und „Polen B“ beschreiben.

Vorerst werden die Ergebnisse dieser Bemühungen nicht zufriedenstellend sein. Einige Kommentatoren sprechen sogar von der Zunahme dieser Unterschiede. Der Osten Polens entwickelt sich langsamer, er ist für Investoren nicht attraktiv genug. Aus diesem Teil stammen sehr viele Emigranten. Die Existenz von Unterschieden und gesellschaftlichen Teilungen wird öfters hochgespielt, hauptsächlich wegen eigener übertriebener Interessen. Die Zahl der Polen, die in Armut leben, nimmt ständig ab. Gemessen an Entwicklungsstand und Lebensqualität unter 28 EU-Staaten nahm Polen nach den ersten fünf Jahren den 21. Platz ein, hinter Tschechien und Slowenien, aber vor den baltischen Ländern, der Slowakei und zuletzt Rumänien und Bulgarien. Nach den Angaben des Eurorates ist es uns gelungen, die Tschechen zu überholen, was überraschen kann. Es nehmen die Aufwendungen für die Bildung und Wissenschaft zu. Die Ergebnisse der PISA-Studien sind immer besser, obschon generell das Testsystem als Beurteilungsmethode des Schülerwissens sehr kritisiert wird.

Verglichen mit dem Leben am Ende des Kommunismus muß man aber sagen, daß Polen im wirtschaftspolitischen Wandel, mit den Anpassungsbemühungen vor dem Beitritt, in den vergangenen zehn Jahren schließlich gigantische Fortschritte gemacht hat. Die Polen sind reicher geworden. Das bezeugen unterschiedliche Statistiken, obwohl die Polen in der Öffentlichkeit öfters nicht bereit sind, das zuzugeben.

Über 80 Prozent sieht sich als glücklich, was mittelbar ein Indiz für das Gefühl des Lebenserfolgs ist. Zu den größten negativen Erscheinungen der letzten Jahre zählt – nach Meinung eines Durchschnittspolens, aber auch der Politiker – immer noch die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jugendlichen. Es werden auch die negativen Seiten der Emigration gesehen, in deren Folge das Problem der sogen. Dränage der Fachkräfte, geteilten Familien und der Zunahme der demographischen Depression krasser zum Vorschein kommen.

Wenn man die meist vereinfachte Dimension von Polens Anwesenheit in der EU sieht – die finanziellen Vorteile –, kann man ohne Zweifel von großem Erfolg sprechen. Wenn wir dem noch andere Faktoren hinzufügen, seien sie unmittelbar oder mittelbar mit der Beteiligung Polens an der europäischen Integration und allgemein der internationalen Politik verbunden, können wir von geradezu historischem Erfolg sprechen, der die für Polen seit Jahrhunderten ungünstigen geopolitischen Verhältnisse überwindet. Zu denken ist da vor allem an die Sicherheit des Landes, die aus der Mitgliedschaft in NATO und EU resultiert, enge Beziehungen zu allen Nachbarn, besonders zu Deutschland, die Möglichkeit für vielseitige und differenzierte Unternehmen, bis hin zu neuen außenpolitischen Verfahren. Es sei jedoch keine Kunst – wie ein Journalist es ausdrückte –, „Hilfskassenpatient“ der Union zu sein. Es gehe darum, „Partner einer kulturellen Gemeinschaft“ zu werden und, laut der Rhetorik der polnischen politischen Klassen, auf nationaler und EU-Ebene „zu den Spielern zu zählen“.

Folglich wissen die Polen, was die Union ihnen gibt und was sie von der Union bekommen, im materiellen Sinn. Doch was geben die Polen der europäischen Familie? Dies ist eine Frage, die nicht nur das oft beschriebene polnische Ehrgefühl berücksichtigt, sondern eben auch Größe und Bevölkerung Polens, die es zwangsläufig unter den größten EU-Staaten, vor allem des sogenannten neuen Europa, plazieren. Das Potential des Landes, obwohl auf ökonomischer Ebene bislang verhältnismäßig klein, soll mit Sinn für Verantwortung für europäische Politik und konkreten intellektuellen und praktischen Beiträgen zu ihrer Durchführung verbunden sein. Die letzten Monate haben viele Beweise für die Aktivität Polens und ihre Bedeutung im Rahmen der EU gebracht. Ich denke vor allem an die Haltung Warschaus gegenüber der Krise in der Ukraine sowie zur Zunahme des ukrainisch-russischen Konflikts.

Kurz nach dem EU-Beitritt wurde die noch nicht festgelegte Position Polens im Rahmen der EU auf eine schwere Probe gestellt. Die zweijährige polnische Regierung der PiS und ihrer antieuropäischen, rechtsextremen und populistischen Koalitionspartner ist schwierig, als Erfolg zu bezeichnen. Die Jahre 2005 bis 2007 waren, was polnische Politik in der EU und Beziehungen zu den Nachbarn, besonders den großen – Deutschland und Rußland –, angeht, fatal. Beobachtete man die Reaktion Europas, konnte man sogar feststellen, daß alle Bemühungen, Polens Image als modernes, sich entwickelndes, demokratisches und schlicht „normales“ Land zu erschaffen, in Trümmern lagen. Von den Eigenschaften des polnischen Volkes traten in der Wahrnehmung ausländischer Medien, politischer Eliten und gewöhnlicher Menschen die polnische Streitsucht, Selbstüberschätzung, das Unverständnis des Unterschieds zwischen Kompromiss und Diktat und generelle Unfähigkeit, sich in der weiten Welt der EU- Politik zurechtzufinden, hervor.

Das heißt nicht, daß alle Forderungen oder außenpolitischen Ziele unter der PiS- Regierung unmöglich, nachteilig oder anti-europäisch waren. Angelegenheiten wie die Energiesicherheit Europas, die als eine große Herausforderung heute wieder aktuell ist, kann man so nicht behandeln. Am häufigsten jedoch waren es die Art, polnische Initiativen zu unterbreiten, und das Unvermögen, die Unterstützung anderer Staaten zu gewinnen, die sie zum Scheitern verurteilten oder den Eindruck von Konflikten zwischen Warschau und anderen EU-Hauptstädten erweckten. Ein längeres Andauern solcher Zustände würde zweifellos zur Wiederbelebung alter Stereotype über die polnische Regierungsunfähigkeit geführt haben.

Die vorgezogenen Parlamentswahlen 2007 zeigten, daß die Möglichkeiten des Andauerns einer Herrschaft dieses politischen Lagers in Polen zum Glück begrenzt waren. Die Bürgerplattform, obgleich in den Augen eines Teils der pro-europäischen Elite vor einigen Jahren durch die unglückliche Parole „Nizza oder Tod“ (bezogen auf den Streit um eine für Polen vorteilhafte Stimmenzahl in Entscheidungsorganen der Union, die im Vertrag von Nizza beschlossen wurde) kompromittiert, war und ist als berechenbare zentrumspolitische Kraft bekannt, offen für die Welt; vor allem aber versteht sie die Bedeutung der polnischen Mitgliedschaft im europäischen Bündnis.

Zweifellos zeigen die Kontakte des Ministerpräsidenten Tusk zu den Kollegen in der EU, daß die polnische Regierung die Prinzipien der EU-Politik kennt und imstande ist, sich mit Partnern zu verständigen. Und was am wichtigsten ist: sie überzeugt andere von der polnischen Meinung und erzielt wünschenswerte Entscheidungen, ohne in ernste Konflikte oder Vergeltungsdrohungen zu geraten. Als Erfolg Polens muß die Bildung einer Koalition benannt werden, die die Modifizierung des Energie- und Klimapakets durchsetzte, was für die Länder mit „alten Energien“ (Steinkohle) von Vorteil ist.

Freude bereitet in Anbetracht unserer historischen Verbindungen und geografischen Lage zudem die Bildung der östlichen Partnerschaft der EU. Deren Adressaten waren die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Polens Nachbarn: die Ukraine, (bedingt) Weißrußland, Moldawien, Aserbaidschan, Armenien und Georgien. In den letzten Jahren engagierte Polen sich vor allem für die Annäherung der Ukraine an die EU.

Zwar schlugen diese ambitionierte Pläne fehl, aber für die ganze EU ist es klar, daß Polen nicht will, daß seine Landesgrenzen zu unüberwindbaren Barrieren zwischen der EU und dem Rest Osteuropas werden. Die EU unterhält bereits solche regionalen Nachbarschaftsprogramme, bestärkt z. B. durch Spanien und Frankreich; ein Konzept, das sich am östlichen Europa ausrichtet, ist also kein so großes Novum. Zusätzlich nicht die Worte Warschaus, sondern vor allem die aggressive Politik Moskaus zeigen, daß die EU eine klare und konsequente Ostpolitik, auch im eigenen Sicherheitsinteresse, führen sollte.

Die Errungenschaften auf EU-Ebene brachten der Republik Polen natürlich Anerkennung im Land und Ausland. Die polnischen Politiker werden als Partner gesehen und respektiert. Die grundlegende Frage betrifft jedoch Allgemeineres in Verbindung mit Polens Auftreten in der EU.

Welches Programm hat Polen allgemein für das sich vereinende Europa? Kann Polen etwas anbieten, das die bisherigen Entwicklungen übertrifft? Zweifellos stand solch ein Gedanke hinter der östlichen Partnerschaft. Doch was ist mit Problemstellungen, wie Vorschlägen zur EU-Reform, neuen Impulsen für die Integration, gemeinsamer Auseinandersetzung mit der weltweiten Krise, Schaffung einer Sicherheitspolitik der europäischen Gemeinschaft im Bündnis mit den Vereinigten Staaten?

Analytiker der polnischen Außenpolitik seit dem Beitritt Polens zur EU suchen in ihr eher vergeblich nach Anzeichen für das Abstecken neuer großer Ziele, wie es die Entscheidung zum Schritt in die EU war. Es muß dennoch zur Kenntnis genommen werden, daß dieses Ziel, die Beteiligung am Integrationsprozeß, eigentlich eine epochale Aufgabe war. Schwerlich kann man erwarten, daß die neue Idee sich gleich ebenso ambitioniert zeigt.

Vom Standpunkt der Historiker des 20. Jahrhunderts aus könnte man sogar fragen, ob die weitere Unterstützung der Vereinigung Europas, die demokratische Entwicklung in seinen östlichen Teilen und die unbedingte Stärkung der eigenen Wirtschaft nicht ausreichend ambitionierte Aufgaben für Polen darstellen.

Vor uns steht auch die Frage des Beitritts zur Euro-Zone. Ohne diesen Beitritt wird es schwierig sein, eine gleichberechtigte Position unter den größeren Staaten aufrechtzuerhalten. Polen ist gegen unterschiedliche Integrationsstufen, auch gegen die Schaffung ihrer unterschiedlicher Kreise. Auf der anderen Seite muß sich Polen entscheiden, was es wählt: die Teilnahme an dem Entscheidungsprozeß, verbunden mit

Polen im vereinigten Europa der fortschreitenden Integration, oder das Zurückbleiben außerhalb des harten Kerns der EU mit allen seinen Konsequenzen.

In der polnischen Europa-Debatte wurde einst viel von den geistigen Werten gesprochen, die das polnische Volk tragen, und die in Europa verbreitet werden sollen. Dieses Thema gehörte zu den beliebtesten Themen der Teilnehmer an der Diskussion, die dem politischen und religiösen Konservatismus nahestanden. Nicht selten klang in deren Äußerungen eine messianische Note mit, was für die Westeuropäer schwer verständlich sein mochte.

In Polen nahm man in diesen Stimmen noch etwas anderes wahr, nämlich Anzeichen eines Minderwertigkeitskomplexes – ein ziemlich verbreitetes Denken: „Wir sind zwar arm, dafür aber mehr moralisch als weltlich, und versunken im Konsumismus Europas.“ Ich möchte diesen Faden nicht weiterspinnen, denn eine Hierarchiebildung „geringerer“ und „höherer“ Werte ist mir fremd. Wie viele Polen meine ich, daß beide Seiten bei sich und dem anderen Dinge finden, wegen derer sie sich schämen, und auch solche, für die sie in ihrem Land werben können.

Die Reflexionen des polnischen Papstes Johannes Paul II. über Europa sind ohne Zweifel wertvoll, aber selbst im eigenen Land wurden sie nicht genügend überdacht. Wenngleich die Kritik an der Verehrung der materiellen Seite des Lebens sich nicht nur auf Europa beschränkt, kann man sie auch gegenüber den selbstherrlichen Polen mit Möglichkeiten zur schnellen Hebung des Lebensstandards und zum Konsum anwenden. Die Problematiken Euthanasie, Abtreibung oder homosexuelle Lebensgemeinschaften, die die polnische Rechte mit Europa zu verknüpfen versuchte und in denen sie eine angeblich lauernde Gefahr für die polnischen Seelen sehen wollte, kann man auf diese Weise wohl kaum angehen.

Warum wird über den Wertekonflikt mehr gesprochen als über die Gemeinschaft? Sind das Eintreten für Menschen- und Bürgerrechte, Toleranz, Offenheit, Verständnis und Versöhnung zwischen Völkern keine europäischen Werte, um deren Pflege man sich gemeinsam bemühen sollte? Hängen wir Polen nicht in der falschen Überzeugung fest, daß sie uns ein für allemal gegeben seien, daß nichts sie – und somit uns – gefährden könnte? Ist die blutige Kriegserinnerung von vor 70 Jahren im Gedächtnis Europas wirklich schon so verblasst?

Angesichts der Situation in der Ukraine stellen wir fest, daß Frieden und Demokratie sehr brüchig sind. Auf der anderen Seite bleiben diese Werte ein großer Traum von vielen Millionen von Menschen. Den Polen ist es gelungen, in den letzten 25 Jahren diesen Traum zu erfüllen. Im Bewußtsein von allen Kritiken unseres Staates und der Gesellschaft müssen wir daran erinnern, daß das die beste Zeit in unserer Geschichte nicht nur seit 1945, sondern seit Mitte des 17. Jahrhunderts ist. Wir haben dank eigener Anstrengungen, aber auch mit „with a little Help from Friend“, um ein anderes Lied der Beatles in Erinnerung zu rufen, viel erreicht.

Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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