Digitale Geschichte für deutsche Schulen

Seit September vergangenen Jahres wird an ausgewählten Schulen in Nordrhein-Westfalen das erste digitale Lehrbuch für die Geschichte mit dem Titel: „Geschichte denken, statt Pauken“ getestet. Es wurde am Institut für digitales Lernen in Eichstätt von Historikern und Pädagogen, die mit der Arbeit an Schulen vertraut sind, konzipiert. Seit wenigen Tagen habe ich Zugang zu allen Teilen des Schulbuches und möchte meine ersten Eindrücke teilen. Die Autoren haben ein Kapitel ins Netz gestellt (Web-Adresse und Passwort gebe ich am Ende des Textes an).

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit die Testversion des ersten digitalen Lehrbuchs für Geschichte innerhalb von Deutschland zu untersuchen. Zunächst ein paar Worte über das Projekt. Es wurde am Institut für digitales Lernen in Eichstätt erstellt. Es ist eine Antwort auf das wachsende Interesse von Lehrern und Schülern neue Medien in die schulische Praxis zu integrieren. Hierbei offenbarten sich verschiedene Probleme. Es lohnt sich, sich diese Probleme näher anzuschauen, weil polnische Autoren des digitalen Schulbuches zur Geschichte mit ähnlichen Fragen konfrontiert werden. Die Probleme lassen sich in zwei Kategorien zusammenfassen: die formal-organisatorischen und die mentalen. Zum einen dürfen zurzeit nur gedruckte Schulbücher zugelassen werden. Obwohl Pluralismus auf dem Buchmarkt herrscht, gibt es einige Verlags-Monopole, die den Markt steuern und Standards setzen. Das digitale Projekt stieß bei diesen Marktführern auf Zurückhaltung (Konkurrenz!). Zudem wird die Durchführung des Projekts durch die tlw. mangelnde technische Ausstattung an deutschen Schulen erschwert. Es stehen oft nur veraltete Geräte zur Verfügung, die nicht auf einheitlichen Systemen laufen. Ein weiteres Problem ist die Mentalität des pädagogischen Personals. Wie sich herausstellte, sind die deutschen Lehrer auf die Verwendung neuer Medien im Unterricht schlecht vorbereitet, nur 13 Prozent von ihnen ist neuen Entwicklungen gegenüber positiv eingestellt. Oft sind es auch Vorbehalte der Eltern, z.B. die Angst um die Gesundheit ihrer Kinder, wenn sie immer länger vor den Bildschirmen sitzen.

Um das Interesse von Schulbehörden, Lehrern, Eltern und Schülern zu wecken, betonten die Autoren von Beginn an, dass das digitale Medium kein Ersatz für das Schulbuch darstellt, sondern vielmehr eine Kombination traditioneller und neuer Medien vorgesehen ist.

Unsere (…) These lautet – so die Schulbuchautoren – dass die Lösung kein Entweder – Oder, sondern gewissermaßen eine Kombination aus beidem ist. Das gedruckte Schulbuch hat seine Stärken als übersichtliches, chronologisch geordnetes, eingeführtes Leitmedium darin, dass es, vom Lehrplan geleitet, Materialien und Arbeitsanweisungen aufeinander abstimmen und den Schülern zur Verfügung stellen kann. Es bildet damit das Rückgrat materialgestützten Lernens. Die digitale Welt kann Aktualität, Interaktion, Simulation und Multiperspektivität beitragen. Durch eine Hyperlinkstruktur lassen sich deutlich erweiterte Materialangebote für Vertiefung, Erweiterung und Differenzierung, die Einbeziehung mehrerer Informationsebenen und schließlich auch die mediale Unterstützung kritischer Reflexion erreichen. (Schreiber et. al., S. 215).

Das Geschichtsbuch besteht aus drei Hauptteilen:

  • Von den frühen Kulturen bis ins Mittelalter,
  • Vom Mittelalter bis in den Ersten Weltkrieg,
  • Vom Ersten Weltkrieg bis heute.

Die einzelnen Kapitel enthalten chronologisch geordnete Abschnitte. Nur im dritten Kapitel gibt es eine Abweichung mit „Kommunikation und Reisen“. Jeder Teilbereich setzt sich aus 9 – 10 Unterkapiteln zusammen. Hier wurde die problemorientierte Methode angewandt. Zum Beispiel der Unterabschnitt zum Ersten Weltkrieg, der für die breite Öffentlichkeit (Adresse und Passwort befinden sich am Ende dieses Textes) zugänglich ist, veranschaulicht diesen Punkt sehr gut. Der Schüler findet dort folgende Fragmente:

  • Triebkräfte imperialistischer Expansion,
  • Imperialismus in Afrika und Asien
  • Im Frieden versteckt sich der Krieg?
  • Der Krieg beginnt im Kopf – Nationalismus führt zu Konflikten
  • Diskussion: Welche Rolle spielt der Nationalismus heute?
  • Bricht Krieg einfach so aus oder wird er von Menschen absichtlich entfesselt?
  • Macht der Fortschritt den Krieg besonders grausam
  • Der Krieg betrifft alle – auch Kinder und Jugendliche
  • Kriegsenden – Wie hört ein Krieg auf?
  • Es ist so schwer, den Frieden zu finden!
  • Gedenken, erinnern oder vergessen
  • Neue Friedensordnungen

Die Unter-Unterkapitel enthalten unterschiedlichen Materialien. Auch traditionelle Textteile haben ihren Platz (einige werden von Lektoren vorgelesen). Fotogalerien und Karten, kurze Audio- und Videoaufnahmen dienen ebenfalls zur Illustration von Augenzeugenberichten und Beiträgen von Politikern und Nachrichten aus der Zeit. Durch häufige Verwendung von Animationen anhand einer Karte wird die Aufmerksamkeit der Schüler auf die Veränderungsprozesse gelenkt. Um Schüler zu ermutigen sich aktiver am Unterricht zu beteiligen, werden zahlreiche Lernspiele vorgeschlagen, die zur Einführung in komplexere Probleme dienen. Der Schüler erhält längere Quellentexte, die im traditionellen Schulbuch ausgeschlossen wären, zur Analyse.

Zu diesen drei Kapiteln wurde das vierte Kapitel „Methoden“ hinzugefügt. Es repräsentiert einen sehr interessanten Teil der in polnischen Schulen nicht anzutreffen ist, und es lassen sich alle Arten von Tipps und Aufgaben für folgende Problemstellungen finden: Bilder, Wappen, Filme, Zeit und Raum, Münzen, Denkmäler, Zeitzeugen, schriftliche Quellen, Ausstellungen, Wikipedia und Forschung aus dem Internet. Das Lehrbuch endet mit einem Sachindex und erleichtert die Orientierung

Der Schüler kann anhand des Schulbuches unabhängig oder in einer Gruppe arbeiten. Er kann im Text markieren und Notizen anfertigen. Sie werden automatisch gespeichert und er kann auf diese Notizen während seiner Schulzeit immer wieder zurückgreifen. Der Benutzer des digitalen Schulbuchs kann in traditioneller Form dem Verlauf des Buches folgen oder gezielte Themenfelder durch Stichworte erschließen. Aus Neugier überprüfte ich die Ergebnisse einer Ländersuche innerhalb des Lehrbuchs, im Falle Polen waren die Ergebnisse erstaunlich gross. Zum Vergleich: Frankreich 240, Italien 179, Russland / UdSSR 89, Polen 53, Ungarn 29, Tschechoslowakei 7 und Schweden 6. Die Anzahl dieser Indikatoren sagt selbstverständlich nichts über die Länge und Qualität der zugeordneten Textabschnitte, jedoch dient diese Inhaltsanalyse dazu die wichtigsten Trends innerhalb des Lehrbuchs zu demonstrieren.

Die Navigation innerhalb der verschiedenen Teile des Handbuchs geschieht intuitiv und führt nicht zu größeren Problemen. Bei der Entwicklung des Handbuchs wurde das Open-Source Content-Management System (PHP / MySQL) genutzt. Mit diesem Tool für Inhaltsstrukturierung werden, im Gegensatz zum E-book, mehr Möglichkeiten der Nutzung geschaffen. Es gibt eine vollständige Kontrolle über Inhalt, Design und Layout, ist jedoch nicht über eReader zugänglich. Das Handbuch kann jedoch auch online gelesen werden (und auf der Festplatte gespeichert werden) und wird ständig aktualisiert.

Das Institut für Digitales Lernen in Eichstätt hat seine ersten Erfahrungen mit digitalen Lehrbüchern im belgischen Raum gewonnen. Hier wurde es als reguläres Unterrichtsmittel experimentell für die deutschsprachige Gemeinschaft verwendet. Das Institut besitzt die ersten Erhebungsdaten über die tatsächliche Verwendung des Materials. Mitte Februar wurden bereits 190.000 Klicks berichtet. Ebenfalls kann geprüft werden, wie lange Schüler die einzelnen Seiten genutzt haben. Lehrer verwiesen während der Testphase auf die Nützlichkeit bei der Planung und Durchführung von Unterricht mit einer Vielzahl von Methoden hin. Andererseits wurden fehlender Zugang zu digitalen Lesegeräten, Probleme mit der Verbindungsgeschwindigkeit oder sogar fehlender Zugang zum Internet als Mangel angegeben.

Seit September 2014 können vom mBook auch deutsche Schüler profitieren. 41 Schulen in Nordrhein-Westfalen mit insgesamt 6.000 ausgewählte Schülern beteiligten sich an dem Projekt. Lehrer dieser Schulen erhalten eine zusätzliche Hinführung zum Material, das sogenannte mBooL. Zum jetzigen Zeitpunkt stehen noch keine Daten zur Verwendung des Schulbuches zur Verfügung, es ist jedoch bekannt, dass die deutschen Lehrer von ähnlichen Problemen wie ihre belgischen Kollegen berichten.

Das vom Institut für Digitales Lernen erstellte digitale Schulbuch wurde in diesem Jahr für den renommierten „Schulbuch des Jahres“- Preis nominiert, welcher jährlich durch das Internationale Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig verliehen wird. Mit dieser Nominierung wurde ein Zeichen gesetzt, dass die Mühe der Entwickler gewürdigt und die Veränderung des Schulbuches in Richtung digitale Angebote genau beobachtet wird.

Zitat:

Waltraud Schreiber, Florian Sochatzy, Marcus Ventzke, Das multimediale – kompetenzorientiert, individualisierbar und konstruktionstransparent, in: Waltraud Schreiber, Alexander Schöner, Florian Sochatzy, Analyse von Schulbüchern als Grundlage empirischer Geschichtsdidaktik. Mit Gastbeiträgen von Marcus Ventzke, Stefanie Serwuschok und Annemarie Kraus, Stuttgart 2013, S. 215.

Abschnitte über den Ersten Weltkrieg sind unter: http://nrw.multimedia-lernen.de zu finden:

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Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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