Polemik mit der Polemik

In der gestrigen Ausgabe der FAZ sind drei Lesebriefe erschienen.1 Sie sind eine Reaktion auf meinen Artikel über die Schaffung eines Denkmals für die polnischen Opfer des Dritten Reiches in Berlin, der am 5. März dieses Jahres in der Zeitung unter dem Titel “Es gibt keine Opfer zweiter Klasse” veröffentlicht wurde.2 Insbesondere der Text von Stephan Lehnstaedt, der in seinem Ausdruck äußerst kritisch ist, zwingt mich zum Reagieren.

Leserbriefe

Ich schätze die traditionellen Tageszeitungen, die ausgewählte Leserreaktionen nach der Veröffentlichung der Texte abdrucken. Noch besser ist es, wenn es Texte sind, die das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten. Ich kann mit der Reaktion also zufrieden sein.

Mein Text hat ein paar Leute zu einer schriftlichen Antwort provoziert, so dass er nicht ohne ein Echo blieb. Ich werde meinen Artikel nicht zusammenfassen, weil er im Internet verfügbar ist.3 Nachstehend nehme ich zu der geäußerten Kritik Stellung.

Ein Denkmal an der polnisch-deutschen Grenze

Die Idee, ein Denkmal an der polnisch-deutschen Grenze zu errichten, das die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern verdeutlichen würde (so der Lesebrief von Martin Wirtz aus Köln), ist nicht sehr treffend gewählt. Solche Denkmäler, wenn auch als immaterielle Symbole, gibt es bereits, z. B. die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Wahrscheinlich gibt es keinen symbolträchtigeren Ort als diese Universität und die jungen Leute, die dort studieren. In meinem Text habe ich bewusst das Begriffspaar „Gedenken und Erinnern” verwendet. In einem solchen Projekt würde der erste Begriff „Gedenken“ nicht den richtigen Platz finden.

Ein Nullsummenspiel?

Der nächste Autor, Hans-Walter von Hülsen aus Gernsbach, widmete sich in seinem Brief dem Problem des Gedenkens. Ihm mangelt es schlicht an Wissen. Er fordert als Gegenleistung die Schaffung eines Denkmals (ein Nullsummenspiel also), das den Deutschen gewidmet ist, die aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße vertrieben wurden.

In Polen gibt es viele solcher Denkmäler. Die Liste wird vom „Bund der Vertriebenen“ ständig aktualisiert.4 Zu dieser Liste sind zwei Denkmäler in Wrocław hinzuzufügen, über die ich schon oft geschrieben habe: „Węzełek” (Bündel)5 und der Gedächtnispark (Park pamięci). Das erste erinnert an alle Flüchtlinge ungeachtet ihrer Nationalität, das zweite an alle Friedhöfe der Vorkriegszeit in Breslau, die in den folgenden Jahrzehnten vernichtet wurden. In dem FAZ-Artikel erwähnte ich, dass es in Deutschland keine solchen Orte gibt, so wie keine Schule den Namen eines polnischen Politikers, Wissenschaftlers oder Künstlers trägt, der nach 1945 zum Dialog und zur Versöhnung zwischen Polen und Deutschland beigetragen hat.

Lesen mit Verständnis

Während die beiden ersten Leserbriefe trotz des kritischen Tons sachlich und konstruktiv gehalten sind, stellt der dritte Brief eine akute (Hyper-)Kritik dar. Nach der Lektüre kann man jedoch den Eindruck gewinnen, dass der Autor meinen Text nicht sorgfältig gelesen hat. Nur mit vorgefertigten Thesen im Kopf entschied er sich, Stellung zu beziehen (ich meine den Brief von Prof. Stephan Lehnstaedt aus Berlin).

Ich möchte kurz auf die Hauptpunkte seiner Kritik eingehen. Er behauptet, mein Text sei “Geschichtspolitik unter dem Deckmantel des Historikers“. Er streitet über die Zahl der Opfer (es handelt sich um fast 6 Millionen polnische Staatsbürger, die während des Krieges ihr Leben verloren haben). Seiner Meinung nach ist diese Größe eine “Propagandalüge“ der Polnischen Volksrepublik, die längst widerlegt worden sei. Er gibt jedoch nicht an, welche personelle Verluste Polen seiner Meinung nach erlitten hat. Er glaubt dann, dass ich die Probleme des Holocausts zur Erinnerung an die ermordeten Polen instrumentalisiert habe. “Wenn es passt, werden diese (die Juden – Krzysztof Ruchniewicz) zu den „polnischen Opfern“ dazugezählt“.

Ein weiterer Vorwurf des Autors ist, dass ich die Opfer der UdSSR nicht berücksichtige, weil die UdSSR “1939 Polen überfallen hat“. So habe ich seiner Meinung ein Gleichheitszeichen zwischen den Tätern von Verbrechen und den 14 Millionen Opfern im Osten gesetzt. Dieses Fragment des Arguments ist es wert, zitiert zu werden:

Doch damit macht er die annähernd 14 Millionen zivilen Toten aus den verschiedenen Sowjetrepubliken pauschal zu Tätern. Und er schlägt gewissermaßen nebenbei die Lesart eines Denkmals für polnisches Leid unter zwei Diktaturen vor. Das bringt einmal mehr den Antikommunismus als symbolische Ordnung ins Spiel und nivelliert quasi nebenbei die Spezifika des deutschen Völkermords an den Juden.

Schließlich verweist er auf die aktuelle Debatte in Polen, die er als “Polocaust“ bezeichnet, d. h. als Manifestation der “fast schon verzweifelte(n) Suche nach Anerkennung im absurden Streben um einen ersten Platz in der Opferkonkurrenz (…)“.

Böser Wille oder Ignoranz?

Die Hauptkritikpunkte mussten dargelegt werden, damit die folgende Antwort verstanden werden kann. Man muss schon böswillig sein oder völlige Ignoranz zeigen, um diese Behauptungen aufzustellen. Was die Schätzungen der Opfer unter den Bürgern des polnischen Staates (Staatsbürger, nicht ethnische Polen, wie mir Lehnstaedt zuschreibt) betrifft, so sollte auf die Veröffentlichung der Professoren Wojciech Materski und Tomasz Szarota verwiesen werden. Sie geben die Zahl von etwa 5.470.000 bis 5.670.000 getöteten Polen und Juden an, wobei der Verlust der ethnisch polnischen Bevölkerung auf 2,8 Millionen geschätzt wird.6

Auch der Vorwurf der angeblichen Instrumentalisierung des Holocausts ist falsch. In dem Text, wo ich bewusst über polnische Staatsbürger geschrieben habe, habe ich das auch im Kontext der sowjetischen Unterdrückung getan. Der Autor unterschätzt die Tatsache, dass das Dritte Reich zusammen mit Moskau Polen im September 1939 angegriffen (überfallen) hat und beide auf ihre eigene Art und Weise und mit unterschiedlichen ideologischen Motiven eine Politik der Unterdrückung und der vollständigen Umgestaltung der territorialen Eroberungen begannen.

Unter sowjetischer Besatzung wurden Juden auch Opfer von Verhaftungen und Deportationen in den Osten, obwohl ihr Schicksal anders war als das auf der anderen Seite der Grenze. Das Motiv der Verfolgung war nicht Rassismus, aber dennoch wurden sie zusammen mit Polen unterdrückt. Ich möchte nicht an die umfangreiche polnische Literatur zu diesem Thema erinnern. Der Autor der Polemik ist auf eine Publikation hinzuweisen, die von Anna Kaminsky, Dietmar Müller und Stefan Troebst unter dem Titel „Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer” herausgegeben wurde.7 Dort findet er ausreichend Informationen.

Angst vor dem Vergleich

Die Bedeutung und die Auswirkungen der Jahre 1939-41 in der Diskussion um die Notwendigkeit, ein Denkmal für polnische Opfer in Berlin zu errichten (zu den bereits erwähnten Millionen kommen noch die polnischen Zwangsarbeiter hinzu), sind kaum zu übersehen. Vielmehr sehe ich darin einen Versuch, offensichtliche Tatsachen zu ignorieren, eine Angst davor, sich der Notwendigkeit stellen zu müssen, die beiden Diktaturen miteinander zu vergleichen (nicht einander gegenüberzustellen oder sie zu relativieren).

Nur durch die Berücksichtigung dieser grundlegenden kausalen Fakten wird die Spezifik des Problems gezeigt, die es uns ermöglicht, das Dilemma, mit dem wir heute konfrontiert sind, besser zu verstehen. Die UdSSR war nicht nur ein friedliebendes Land und ein Gegner des Faschismus, sondern verursachte auch Verbrechen, die angesichts der immensen Zahl deutscher Verbrechen und des Bündniswechsels 1941 längst in den Schatten gestellt worden waren. Das Beispiel des Kampfes um die Wahrheit über Katyn ist das aussagekräftigste Symbol hiervon.8

Statt einer Zusammenfassung

Ich werde mich nicht zur aktuellen Geschichtspolitik der jetzigen polnischen Regierung äußern, denn das war nicht Gegenstand meines Textes. Es war auch keine Inspiration. Ich habe der Kritik von Herrn Lehnstaedt mehr Aufmerksamkeit geschenkt, weil ich den Eindruck habe, dass er wegen seines Interesses am Holocaust das Schicksal anderer Nationen völlig ignoriert und nicht zur Kenntnis nimmt. Es ist für mich unverständlich, die Auffassung zu vertreten, dass die Auseinandersetzung mit ihnen oder deren Gedenken an den Holocaust eine Manifestation einer irrationalen und egoistischen Forderung nach Anerkennung auf Kosten der jüdischen Opfer ist. Die Erinnerung an seine mörderische Feindseligkeit gegenüber den Slawen, einschließlich der Polen, wird dem Verständnis und der Darstellung des Nationalsozialismus nicht abträglich sein.

Anmerkungen:

  1. S. Briefe an die Herausgeber, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung”, Nr. 58, Freitag, 9.03.2018, S. 14.
  2. Vgl. Krzysztof Ruchniewicz, Es gibt keine Opfer zweiter Klasse, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 5.03.2018.
  3. Ibidem.
  4. Vgl. Mahn- und Gedenkstätten außerhalb der Bundesrepublik Deutschland (letzter Zugriff: 9.03.2018). Vgl. auch Stephan Scholz, Vertriebenendenkmäler, in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2014. (letzter Zugriff: 9.03.2018)
  5. Vgl. Krzysztof Ruchniewicz, Hallo, Partner! Ein Geschenk aus Wroclaw / Breslau, in: “blogihistoria“, 29.12.2013 (letzter Zugriff: 10.03.2018)
  6. Polska 1939–1945. Straty osobowe i ofiary represji pod dwiema okupacjami, unter der Redaktion von Tomasz Szarota und Wojciech Materski, Warszawa 2009, S. 9.
  7. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer, hrsg. von Anna Kaminsky, Dietmar Müller und Stefan Troebst, Göttingen 2011; Vgl. ferner: Stationen gemeinsamer Geschichte, Orte der Erinnerung – Das 20. Jahrhundert, hrsg. von Helmut Altrichter und Viktor Ischtschenko, Berlin 2013 (vor allem die Beiträge von über den Hitler-Stalin-Pakt von Bianka Pietrow-Ennker und Alexander Tschubarjan).
  8. S. Krzysztof Ruchniewicz, Das polnische Kriegstrauma Katyn. Zwischen Instrumentalisierung durch die Kommunisten und Heroisierung der nationalen Opfer durch Polen, in: Kriegserfahrung und nationale Identität in Europa nach 1945. Erinnerung, Säuberungsprozesse und nationales Gedächtnis, hrsg. von Kerstin von Lingen, Padeborn u.a. 2009, S. 314–331; Vgl. auch Claudia Weber, Krieg der Täter: Die Massenerschießungen von Katyn, Hamburg 2015..

Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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  1. Tatsächlich dient die Aufrechnung von Opferstatistiken niemandem – aber Krzysztof Ruchniewicz hat sie auch nicht vorgeschlagen. Ein angemessenes Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft erfordert dagegen zweifellos Differenzierung statt Pauschalisierung. Ohne sie ist auch das Jahrhundertverbrechen des Holocaust nicht zu erklären. Dies hat der Autor des letzten genannten Leserbriefes, Stephan Lehnstaedt, vor Kurzem so formuliert: „Abseits von Klassifizierungen wie Genozid und Holocaust (zum beschränkten analytischen Potential derartiger Begriffe vgl. Christian Gerlach, Extremely Violent Societies, 2010, bes. S. 6 ff.) ermöglicht die Beschreibung von Gewalttaten, Akteuren, Strukturen und situativen Gegebenheiten eine breitere Einordnung des Geschehens, die letztlich Spezifika und Generalia, Kontinuität und Diskontinuität von Gewalt zu identifizieren hilft.“ [1] Einen solch differenzierten Ansatz verfolgt auch der von ihm mit herausgegebene Sammelband, in dem diese Passage 2012 erschien.

    In seinem Leserbrief vermisse ich leider solche Differenzierungen. Darin schreibt Lehnstaedt u.a. richtigerweise, dass nur die polnischen Juden von den Deutschen systematisch ermordet wurden. Aber das widerspricht nicht der Aussage von Krzysztof Ruchniewicz, auf die er sich dabei bezieht: dass der Besatzungsterror im deutsch und im sowjetisch besetzten Polen 1939-1941 vergleichbar war (im Übrigen eine Aussage, die der genannte Sammelband voll und ganz stützt!). Denn die systematische Ermordung der Juden im deutsch besetzten Osten begann, wie Lehnstaedt als Professor für Holocaust-Studien selber natürlich am besten weiß, mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941, und somit per definitionem mit dem Ende der sowjetischen Besatzungsherrschaft in Ostpolen.

    Hier wie an den meisten anderen Stellen des Leserbriefes vermag ich der Argumentation nicht zu folgen: Wieso macht der Hinweis auf den Überfall der Sowjetunion 1939 auf Polen angeblich „die annähernd 14 Millionen zivilen Toten aus den verschiedenen Sowjetrepubliken pauschal zu Tätern?” Warum ist ein Gedenken an diejenigen polnischen Bürger der Zweiten Republik, die nicht Opfer des Holocaust wurden, „die fast schon verzweifelte Suche nach Anerkennung im absurden Streben um einen ersten Platz in der Opferkonkurrenz”? Hier verlässt der Text, gelinde gesagt, den Boden akademischer Akkuratesse, und lässt mich angesichts der bisherigen Publikationen Lehnstaedts zur deutschen Besatzung in Polen 1939-1945, die eine ganz andere Sprache sprechen, zugegebenermaßen etwas ratlos zurück.

    Jochen Böhler, Jena

    [1] Lehnstaedt, Stephan, ‘Zwei Okkupationsregime: Einleitende Überlegungen zur Erforschung von Gewalt und Alltag im besetzten Polen’, in: Jochen Böhler und Stephan Lehnstaedt (Hg.), Gewalt und Alltag im besetzten Polen, 1939-1945 (Osnabrück: fibre, 2012), S. 15–29, hier: S. 23.

    Dr. Jochen Boehler

    Senior Researcher in the area ‚War, Violence, and Repression’
    Imre Kertész Kolleg – Eastern Europe in the Twentieth Century:
    Comparative Historical Experience
    http://www.imre-kertesz-kolleg.uni-jena.de
    Friedrich Schiller University Jena
    Leutragraben 1
    07743 Jena
    Germany

    Recent publication (ed. with Robert Gerwarth):

    The Waffen-SS. A European History (Oxford University Press 2017)

    Forthcoming:

    Civil War in Central Europe, 1918-1921. The Reconstruction of Poland (Oxford University Press 2018)

    Invited Professor (2017)”The Europe of Wars and the Traces of War”at the Chair d‘excellence, LabEx EHNE, Paris(Écrire une Histoire Nouvelle de l’Europe– Writing a New History of Europe),Universities Paris 1, Paris-Sorbonne, and Nantes

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