Ein Dialog der Gehörlosen?

Ist das Gefühl der Irritation und Sinnlosigkeit erforderlich? In diesem Jahr feiern Deutschland und Polen den 25. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch­-polnischen Nachbarschaftsvertrages. Aus diesem Anlass wurden zahlreiche Veranstaltungen vorgesehen. Es entstand eine Internetseite, die als Plattform für den Meinungs-­ und Informationsaustausch dienen sollte. Von diesen Plänen ist jedoch wenig übrig geblieben. Der Regierungswechsel in Polen hat die Pläne automatisch rückgängig gemacht, als ob es sich plötzlich herausgestellt hat, dass es nichts gebe, was man feiern oder worüber man sprechen könnte. Es entsteht der Eindruck, dass beide Seiten, sowohl die polnische als auch die deutsche, in dieser Hinsicht nicht gemeinsam, sondern nebeneinander handeln. Am 31. Mai wurde im Bundestag eine polnische Ausstellung eröffnet, die den deutsch-­polnischen Beziehungen “Polen und Deutsche. Geschichten eines Dialogs” gewidmet ist. Wie sieht jener Dialog in dieser Auffassung aus? Haben wir schon mit der “neuen Narration” zu tun?

Jubiläen sind eine gute Gelegenheit für Zusammenfassungen jeglicher Art. Man kann für einen Augenblick anhalten, eine Bilanz erstellen, auf zukünftige Herausforderungen, erledigte Angelegenheiten und die, die immer noch offen stehen (sog. Agenda), hinweisen. Jede dieser Angelegenheiten erfordert eine Überlegung und die Form der Diskussion beeinflusst die gegenwärtige Situation. Eine Debatte zeugt immer davon, dass das Thema relevant ist und Interesse hervorruft. Sie hängt mit Kontroversen, manchmal auch mit Unzufriedenheit aber auch Hoffnung zusammen. Die Bedingung solch einer Diskussion ist die Voraussetzung, dass wir das Problem als einen Prozess und sich entwickelnde Tätigkeiten betrachten und nicht den gegenwärtigen Stand radikal zerstören und einen Neustart wagen.

Politiker stehen oft vor dieser Versuchung. In der Demokratie kommt es oft zu Regierungswechsel. Jeder der Neugewählten möchte seine Anwesenheit und Andersartigkeit markieren, vor allem dann, wenn er an die Macht gekommen ist, als es von Gegnern harte Kritik hagelte. Obwohl diese Taktik einen Wahlerfolg mit sich bringen kann, so führt sie auch mit sich eine Menge von Gefahren, insbesondere in der Außenpolitik. In diesem Fall ist es wichtig auf langjährige Ziele und deren Bestrebung unabhängig von der sich wechselnden Regierungen hinzuweisen. Das Ergebnis mancher Handlungen wird erst im Laufe der Jahre, sogar Jahrzehnte sichtbar.

© Krystyna Koziewicz

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Solch eine Einstellung ist vor allem für die effektive Zusammenarbeit mit Nachbarn, den wichtigsten Partnern wichtig. Die Politik solch eines Staates erscheint dann als solide und vorhersehbar. Selbstverständlich nur dann, wenn Politiker einsehen, dass Zusammenarbeit, Suche nach übernationalen Bündnissen und die damit verbundenen Kompromisse, die Grundmittel sind. Wenn sie jedoch darin Anschläge auf die Souveränität gemäß der Kategorie “Mein Haus, meine Regeln” sehen, tauchen Probleme auf.

Die deutsch­polnischen Beziehungen haben in den letzten 25 Jahren verschiedene Phasen durchlaufen. Dennoch bestand unter den politischen Parteien Einigkeit, dass diese Beziehungen aus der Perspektive des polnischen Staates vorrangig zu betrachten sind und dass die beiden Länder durch gemeinsame Interessen verbunden sind. Von diesem Standpunkt ausgehend konnte ein Grenzvertrag und ein Jahr später der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit ausgehandelt werden.

Dieser Vertrag wäre ohne politische Veränderungen, die Europa 1989 erfahren hat, nicht zustande gekommen. Die Hauptempfänger dieser Veränderungen waren Polen und die Bundesrepublik (nach Oktober 1990 ­vereinigtes Deutschland). Man hat zwar schon vorher ein paar Gesten auf den beiden Seiten wahrgenommen, die diesen “Fatalismus der Feindschaft” (Stanisław Stomma) bewältigen sollten, ohne den Zerfall des Ostblocks, der durch die friedliche Revolution der “Solidarność” mit Lech Wałęsa an der Spitze anberaumt worden war, wäre jedoch die Wende in den deutsch-­polnischen Beziehungen als auch die Wiederaufnahme und Vertiefung des Dialogs zwischen Deutschland und Polen nicht möglich gewesen.

© Krystyna Koziewicz

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Eine bekannte Karikatur des deutschen Zeichners Walter Hanel schildert den Ausgangspunkt für den Prozess der Annäherung der beiden Länder. Im Bild sind zwei Brücken ­ eine deutsch­-französische und eine deutsch-­polnische zu sehen. Auf der ersten Brücke herrscht reger Verkehr in beide Richtungen. Auf der ziemlich schwachen deutsch­polnischen Brücke stehen einander gegenüber, über ein riesiges Loch hinüberschauend, zwei Staatsmänner: Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki. Um einander die Hand zu drücken, sind sie gezwungen, eine Armprothese zu gebrauchen, weil sie so weit voneinander entfernt sind.


Das Loch in der Brücke ist längst weg, zwischen den beiden Ländern herrscht reger Verkehr in beide Richtungen und es scheint, unsere Nationen stehen sich viel näher als vor einem Viertel Jahrhundert. Doch man holt aus der verstaubten Kammer immer wieder die alten Prothesen mit der ganzen Palette von historischen Ressentiments, Vorurteilen und einer Portion von unbestimmtem (von der jetzigen Generation schwer zu definierendem) Gefühl, dass man unverschuldet verletzt wurde. Brauchen wir das überhaupt?

Vielleicht sollen wir daran erinnern, dass die jetzigen bilateralen Beziehungen, die von manch einem unserer Politiker mit derart Missachtung wahrgenommen werden, von den beiden Vertragspartner viel Schweißarbeit gefordert haben. Es gab nichts Sicheres, die Grundlagen der Beziehungen mussten von Null auf ausgearbeitet werden und ein wichtiges Bindemittel war die europäische Integration. Einen großen Beitrag zu diesem Werk leisteten dabei die Politiker, die trotz immer wieder neuer, sich verändernder Konjunktur ihren Grundsätzen und Zielen treu blieben. “Es lohnt sich anständig zu sein” ­diese Worte eines der Befürworter der deutsch-­polnischen Versöhnung, des im letzten Jahr verstorbenen Professors Władysław Bartoszewski, verlieren nicht an Bedeutung und Wirksamkeit.

© Krystyna Koziewicz

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Die am 31. Mai im Bundestag eröffnete Ausstellung, die vom Museum der polnischen Geschichte organisiert worden ist, trägt den Titel “Polen und Deutsche. Geschichten eines Dialogs”. Ist sie aber in Wirklichkeit ein Effekt des Dialogs? Es ist ein bisschen bedrückend, dass zu so einem wichtigen Anlass sich niemand die Mühe gemacht hat, eine gemeinsame Ausstellung zu organisieren oder eventuell parallel eine deutsche Ausstellung zu diesem Thema in Warschau zu machen. Wie soll man den aktuellen Stand der Beziehungen einschätzen, wenn man sogar so eine einfache Sache nicht machen konnte?

An den Schautafeln im Bundestag fehlen einige ikonische Bilder, die bei den deutschen Ausstellungen eine Selbstverständlichkeit sind. Es wurde auf die Abbildung des Anführers der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft “Solidarność” Lech Wałęsa und die Unterstreichung seiner Rolle bei dem Zerfall des ganzen Systems verzichtet. Kann man sich überhaupt die DDR-­Opposition ohne Wałęsa und “Solidarność” vorstellen? Die deutsche Ausstellung “Lernt Polnisch”, die in Polen und Deutschland gezeigt worden ist, ist dafür die beste Bestätigung. Wie soll man mit den unten angeführten Worten des Direktors des Museums der Polnischen Geschichte, Robert Kostro, über den Anführer der “Solidarność” und den ehemaligen polnischen Präsidenten umgehen?

Es ist so traurig, dass die Legende der “Solidarność”, die in der ganzen Welt erkennbar ist, das Symbol des Zusammenbruchs des Kommunismus bei dieser Ausstellung nicht präsentiert wird ­– sagte der Abgeordneter der polnischen Partei Bürgerplatform Marek Krząkała. Es war keine bewusste Wahl, wir suchten Personen nach der tatsächlichen Rolle in den deutsch­polnischen Beziehungen aus – erklärte Kostro. Wie er versicherte, wurde die Ausstellung nicht “für eine oder andere Parteilinie” gemacht. Wenn Wałęsa fehlt, dann nur deshalb, weil er keine bedeutende Rolle in diesen Beziehungen gespielt hat – sagte der Chef des Museums.

© Krystyna Koziewicz

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Diese Ausstellung soll die Ablehnung der bisherigen Meistererzählung in den Berichten über die deutsch­-polnischen Beziehungen verkünden. Der Besucher der Ausstellung findet in ihr sowohl den erwähnten Wałesa, als auch den Runden Tisch nicht. Er findet auch verschiedene Schlüsselfiguren der deutsch-­polnischen Vereinbarung und Versöhnung nicht. Es fehlte aber nicht der Platz für Lech Kaczyński oder die aktuelle Premierministerin Beata Szydło, denen man gemäß der Aussage von Herrn Kostro große Verdienste für die deutsch­polnischen Beziehungen verdankt.

Wenn die Geschichtspolitik so realisiert werden soll, dann muss man sie als ein sehr grobes Werkzeug betrachten. Überraschend ist noch etwas. Die Ausstellung, die eine Jubiläumsausstellung sein sollte, ist eine Ausstellung nur eines Autors, eines polnischen Autors. Ist es eine gute Prognose für die Zukunft? Sollen so unsere Beziehungen aussehen? Man könnte meinen, dass die Etappe vom gegenseitigen “Übersicherzählen” schon hinter uns ist und wir können endlich als Partner über die Zukunft und die Herausforderungen diskutieren, die vor bilateralen Beziehungen und vor allem vor dem gemeinsamen Europa liegen, in dem beide Länder eine wichtige Position haben (oder eins von denen sie hatte). Haben wir hier irgendwelche gemeinsame Vorschläge? Na ja, es war, wie es manchmal so ist, nur ein Traum eines vielleicht unverbesserlichen Beobachters der deutsch-­polnisch­-europäischen Szene.

Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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  1. Nic prostszego, tylko uzupełnić wystawę o planszę uwzględniającą rolę Lecha Wałęsy, laureata Pokojowej Nagrody Nobla i m.in. Nagrody Ernsta Reutera (2009), i znaczenie jego działalności dla całego procesu zmian w Europie, w tym dla dialogu sąsiadujących ze sobą krajów, nie tylko dla dialogu polsko-niemieckiego. Trzeba uwzględnić to w szerszym kontekście, bo wykracza to poza stosunki bilateralne. Przecież dialog między sąsiadami, w tym dialog polsko-niemiecki wpłynął istotnie na procesy integracji europejskiej. Dlatego nie uwzględnienie wpływu L. Wałęsy na zmiany w Europie byłoby sprzeczne z prawdą historyczną. Dobrze byłoby również, aby kontrowersje wokół wystawy nie wzmacniały polskich sporów wewnętrznych, a przyczyniły się raczej do uzgodnienia wspólnego stanowiska, co z kolei byłoby również istotne dla kontynuacji dobrego dialogu polsko-niemieckiego. Mam nadzieję, że będzie to możliwe, bo jest to w interesie polskim, niemieckim i europejskim.

  2. Arkadiusz Stempin

    Brak Lecha Wałęsy jako symbolu Solidarności jest deficytem wystawy. Tym bardziej, że politycy niemieccy przy każdej nadarzającej się okazji podkreślają znaczenie przełomu 1980/81, powstanie ruchu Solidarność i jego drugiej szarży z roku 1988/89 dla enerdowskiej opozycji, a w konsekwencji dla upadku Muru Berlińskiego. Nie znam wystawy, stąd ciekaw jestem, jak przedstawiono dramatyczny w istocie dialog kardynałów Wyszyńskiego i Döpfnera, czy pomnikowo, czy też tak, jak ten dialog meandrycznie przebiegał, skoro figuruje na wystawie pomnikowe zdjęcie obydwu hierarchów z synodu 1971 roku.

  3. Stephan Scholz, Oldenburg

    Lieber Krzysztof Ruchniewicz,

    interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine PM des BdV-Präsidenten Bernd Fabritius vom gestrigen Tag: Fabritius erwähnt darin eine Erklärung des Deutschen Bundestages zum Jubiläum, die nicht zustande gekommen sei, weil sich CDU und SPD nicht über die Rolle der Vertriebenenverbände und insbesondere der „Charta der Heimatvertriebenen” von 1950 für die polnisch-deutsche Versöhnungsgeschichte einigen konnten. BdV und CDU betonten ja immer wieder den vermeintlichen Versöhnungscharakter der Charta, den das Dokument tatsächlich wohl kaum besessen und entfaltet hat.

    Bezeichnend dabei ist, dass Fabritius wieder, wie bereits die Charta von 1950, ziemlich nebulöse Formulierungen wählt („die dunkelsten Kapitel der jeweils eigenen Geschichte”), die den Ursache-Folge-Zusammenhang zwischen deutscher Kriegspolitik und der Aussiedlung der Deutschen eher verhüllen als verdeutlichen. Seine Klage, dass die Geschichte immer wieder „einseitig” dargestellt werde, soll wohl eine Kritik an der klaren Benennung dieses Zusammenhangs sein. Stattdessen fordert er dazu auf, „Schicksalsverwandtschaften” zwischen Deutschen und Polen zu entdecken, als ob beide Völker gleichermaßen Opfer einer anonym waltenden Geschichte geworden seien.

    Mit solchen Positionen erweist sich auch der BdV auf deutscher Seite nach wie vor nicht als ein Akteur der Versöhnung.

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