Mit Erschrecken beobachte ich eine (Pseudo-)Debatte über die Materialien des polnischen Sicherheitsdienstes, die den Staatspräsidenten a.D., Lech Wałęsa angeblich belasten. Wir sind Zeugen eines unwürdigen Spektakels, in dem ein Mann, der Geschichte geschrieben hat, wie vor ein revolutionäres Tribunal gestellt wird. Es werden viele böse Emotionen zutage gebracht, so dass ein Historiker praktisch keine Stimme mehr hat; seine distanzierte Art und Weise der Analyse, sein Streben nach einer globalen Sicht auf den erforschten Prozess, das Ereignis und/oder die Person interessiert diejenigen nicht, die Walesa attackieren. Vor einigen Jahren habe ich ein Porträt über Präsident Lech Wałęsa geschrieben, das im Länderbericht Polen, einem umfangreichen Werk über Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft Polens erschienen ist. Ich habe beschlossen diesen Beitrag erneut abzudrucken, weil ich nach wie vor zu ihm stehe und die Schlussfolgerung noch einmal in Erinnerung rufen will: „Lech Wałęsa hat sich als letzter grosser Arbeiterführer im klassischen Sinne des Wortes und als Symbol der größten friedlichen europäischen Befreiungsbewegung, der ´Solidarność’, in die Geschichte seines Landes und Europas eingeschrieben“.

Lech Wałęsa mit ausgestreckten Armen in seiner typischen Geste des Triumphes ist eine Ikone der jüngsten polnischen Geschichte, eine Gestalt, die Interesse und Wertschätzung im Ausland genießt. In Polen wurde er dagegen selbst nach 1989 nicht selten gnadenlos kritisiert und manchmal sogar wütend attackiert. Die Biographie dieses Arbeiterführers, charismatischen Redners, ehrgeizigen Politikers und entschiedenen Antikommunisten, der jedoch Gewalt als Mittel des Kampfes ablehnte, lässt sich in zwei ganz unterschiedliche Kapitel teilen: die Oppositionstätigkeit in den 1970er und 1980er Jahren sowie sein Wirken im unabhängigen Polen der 1990er Jahre.

Der zukünftige Präsident der III. Republik wurde 1943 in Popowo bei Bydgoszcz in eine einfache Bauernfamilie hineingeboren. Nach Abschluss der Berufsschule zog er wie viele andere Bauernsöhne in die Großstadt. Wie bei der großstädtischen Arbeiterklasse wandelte sich seine Einstellung zur herrschenden Ordnung von der Hoffnung, dass sich diese reformieren ließe, zur entschiedenen Ablehnung des Kommunismus. Wichtiges Fundament einer oppositionellen Haltung war seine starke Bindung an den Katholizismus, die sich durch sein gesamtes Leben zieht.

Ab 1967 arbeitete er als Elektriker auf der Danziger Leninwerft. Der fast 30-Jährige wurde zu einem der Anführer des spontanen Arbeiterprotestes im Dezember 1970. Die Armee schlug die Unruhen nieder. Wałęsa wurde zusammen mit vielen anderen inhaftiert. Eingeschüchtert durch die Verhöre beim Staatssicherheitsdienst, verpflichtete er sich zur Zusammenarbeit, woraus jedoch keine aktive Mitwirkung im Repressionsapparat erwuchs. Später engagierte er sich in der Gewerkschaftsbewegung und suchte bei den offiziellen Gewerkschaften Unterstützung für die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse der Werftbelegschaft. Da sich die Arbeits- und Lebensbedingungen nicht verbesserten, äußerte er offene Kritik an den Gewerkschaften und der Betriebsleitung. Dafür wurde er entlassen.

Mitte 1978 trat er der illegalen Freien Küstengewerkschaft (Wolne Związki Zawodowe Wybrzeża, WZZ) bei. Bald darauf nahm die Miliz ihn wegen seiner Teilnahme an einer Demonstration zu Ehren der Opfer des Dezember für 48 Stunden fest. Solche Verhaftungen für 48 Stunden sollten sich ein Zukunft wiederholen. Er verlor erneut seine Arbeit in der Werft, widmete sich nun verstärkt seinem politischen und gesellschaftlichen Engagement. Er half, WZZ-Zellen aufzubauen, arbeitete mit dem Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung (Komitet Obrony Robotników, KOR) zusammen, das Arbeiter unterstützte, die nach erneuten Protesten gegen die Staatsmacht im Juni 1976 Repressionen ausgesetzt waren. Anfang 1980 arbeitete er beim Untergrund-Arbeiterkomitee (Komisja Robotnicza) mit, was seine erneute Entlassung aus disziplinarischen Gründen zur Folge hatte.

Die sich zuspitzende innere Krise in Polen zur Jahreswende 1979/1980 führte im Sommer 1980 zu einer neuen Streikwelle. Mitte August legten in Danzig die Arbeiter auf der Leinwerft die Arbeit nieder. Neben Lohnforderungen verlangten die Streikenden die Rückkehr von Lech Wałęsa und der Kranführerin Anna Walentynowicz, die wegen ihrer Tätigkeit für die WZZ entlassen worden war, an ihre Arbeitsstellen. Wałęsa schlich sich auf das Werftgelände und setzte sich an die Spitze des Streiks. Der Protest breitete sich auf andere Betriebe der Dreistadt Danzig-Zoppot-Gdingen aus, deren Arbeiter das gemeinsame Überbetriebliche Streikkomitee (MKS) gründeten. Sie formulierten ihre berühmten August-Forderungen. Dazu zählten die Lösung der drängenden Wirtschaftsprobleme, aber auch politische Forderungen, zuvorderst das Recht auf die Gründung freier Gewerkschaften. Wałęsa stellte sich an die Spitze des MKS.

Der Protest griff auf andere Regionen über. Zum großen Triumph für die Streikenden wurde das Eintreffen von Regierungsdelegationen in Danzig und Stettin. In Danzig führte Wałęsa Gespräche mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Mieczysław Jagielski. Dabei unterstützte ihn eine Expertengruppe, zu der er unter anderem Tadeusz Mazowiecki und Bronisław Geremek einlud. Am 31. August 1980 unterzeichnete Wałęsa im Namen der Streikenden die August-Vereinbarungen. Die Staatsmacht stimmte neben anderen der wichtigsten Forderung der Streikenden zu: der Entstehung unabhängiger Gewerkschaften.

Mitte September 1980 wurde die landesweite Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet. Geleitet wurde sie von der Landesverständigungskommission (Krajowa Komisja Porozumiewawcza) mit Wałęsa an der Spitze. Der Anführer des Streiks auf der Werft wurde nun zu einem echten Volkstribun, zu einem herausragenden Redner auf Versammlungen. Er reifte auch zur nationalen Führungspersönlichkeit. In den folgenden Monaten der zunehmend prekärer werdenden Koexistenz zwischen der unabhängigen Gewerkschaft auf der einen Seite und der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR) und den Institutionen des realsozialistischen Systems auf der anderen vertrat Wałęsa einen gemäßigten Standpunkt; damit zog er die Kritik eines Teils der Gewerkschaftsfunktionäre auf sich. Anfang Oktober 1981 wurde er auf dem ersten Landesdelegiertenkongress der „Solidarność“ wieder zum Vorsitzenden der Gewerkschaft gewählt (mit 55% der Stimmen), die nun fast zehn Millionen Mitglieder zählte. Sie war die zahlenmäßig stärkste Oppositionsbewegung im gesamten Ostblock. In ihren Reihen versammelte sie Vertreter aller Berufe, Menschen mit niedriger beruflicher Qualifikation, Intellektuelle, aktive Katholiken und Nichtgläubige, überzeugte Antikommunisten, aber auch Mitglieder der PZPR.

Nach Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurden Führer und Aktivisten der „Solidarność“ festgenommen und die streikenden Betriebe öfter gewaltsam „befriedet”. Unter den Verhafteten befand sich auch Lech Wałęsa. Man hielt ihn jedoch von den anderen isoliert und versuchte, ihn zu irgendeiner Form der Zusammenarbeit mit der Staatsmacht zu zwingen. Insbesondere wollte man erreichen, dass er die Untergrund-„Solidarność“ verurteilte, die sich seit der Ausrufung des Kriegsrechts gebildet hatte. Wałęsa hielt diesem Druck stand. Im November 1982 wurde er aus der Internierung entlassen. Nach Definition der Behörden sollte er nur noch eine „Privatperson“ sein. Doch als solche betrachtete weder er selbst sich noch sahen die anderen ihn so. Er hielt den Kontakt zum Untergrund, zu den Beratern der „Solidarność“ und zu Kirchenvertretern. Ausländische Journalisten und Politiker besuchten ihn. Ab Mitte Mai 1983 arbeitete er wieder auf der Danziger Werft.

Zur Stunde des Triumphes für Wałęsa, aber auch für Millionen Anhänger der „Solidarność“ wurde die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn im Herbst 1983 für seinen „persönlichen Einsatz bei der Verteidigung der Rechte der Arbeiter, eigene Gewerkschaften zu gründen”. Obzwar schikaniert und überwacht, blieb er in Freiheit, denn die Staatsmacht hatte Angst, ihn zu inhaftieren. Konsequent vertrat er die Ansicht, dass ein Dialog mit den Mächtigen geführt werden müsse, und er wirkte in dieser Richtung auch auf die „Solidamość“ im Untergrund ein. Als die Repressionen Ende der 1980er Jahre schwächer wurden, gründete er die geheime Exekutivkommission (Krajowa Komisja Wykonawcza) der „Solidarność“. 1988 nahm er an den Streiks auf der Danziger Werft teil, die – zusammen mit anderen Protesten in Polen – dazu beitrugen, dass die kommunistische Führung Gespräche mit der Opposition aufnahm. Im Februar 1989 begannen die Beratungen am Kunden Tisch, die den Anfang vom Ende des kommunistischen Systems in Polen bedeuteten.

Die ersten teilweise freien Parlamentswahlen verschafften der Opposition die größte parlamentarische Vertretung, die unter diesen Bedingungen möglich war. Im Wahlkampf klebte das oppositionelle Bürgerkomitee Plakate mit Kandidaten, die Wałęsa die Hand schüttelten. Diese Empfehlung war für die Wähler ausreichend. Der Gewerkschaftsführer selbst wollte jedoch nicht Abgeordneter sein, sondern sah ein größeres Betätigungsfeld in seiner Rolle als unabhängige Führungspersönlichkeit. Walesa unterstützte den Plan, im Gegenzug für das Präsidentenamt für Jaruzelski einen Regierungschef ans den Reihen der „Solidarność“ zu wählen. Im August 1989 entstand unter seiner Schirmherrschaft eine Regierungskoalition aus der „Solidarność“-Opposition und den bisherigen Bundesgenossen der Kommunisten, Vereinigte Bauernpartei (Zjednoczone Stronnictwo Ludowe) und Demokratische Partei (Stronnictwo Demokratyczne).

Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems in den „Bruderländern“ beschleunigte die Veränderungen in Polen. Im Frühjahr 1990 kündigte Wałęsa seine Kandidatur für das Präsidentenamt an. Im Dezember 1990 wurde er im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen zum ersten frei gewählten Präsidenten der Republik Polen gewählt. Dieses Amt übte er bis 1995 aus. Diese Phase war in der Geschichte des souveränen Polen außerordentlich wichtig. Die sowjetischen Streitkräfte verließen das Land. Es wurden freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten aufgenommen, darunter auch zu Deutschland. Entgegen den Befürchtungen der politischen Beobachter bremste Wałęsa nicht die Wirtschaftsreformen von Finanzminister Leszek Balcerowicz, die für die Gesellschaft schmerzhaft waren, aber der Wirtschaft haften, allmählich wieder auf die Beine zu kommen. Er schreckte auch vor der zweimaligen Auflösung des Parlaments und der Verkündung vorgezogener Wahlen nicht zurück.

Die Urteile über die Präsidentschaftszeit von Wałęsa gehen bis heute auseinander. Dem Präsidenten wurde vorgeworfen, die Spaltung der Opposition hervorgerufen, politische Intrigen und Rechtsbeugung nicht gescheut sowie radikalen und inkompetenten Politikern ein Forum für die Befriedigung ihres politischen Ehrgeizes geschaffen zu haben. Was die Stärke des Volkstribuns gewesen war, wurde häufig zur Schwäche des Präsidenten: unbedachte Äußerungen, eine aggressive Sprache, sein Trotz. Nach und nach verlor er die Unterstützung nicht nur von Teilen der früheren Opposition, sondern auch der Gesellschaft.

Nach einigen schweren Transformationsjahren schwang das Pendel der gesellschaftlichen Stimmungen nach links. Die Post-„Solidarność“-Parteien verloren ihre Mehrheit im Parlament (1993) und Walesa unterlag im Kampf um eine zweite Amtszeit als Präsident dem Führer der postkommunistischen Sozialdemokraten, Aleksander Kwaśniewski. Trotz einiger Versuche, in die Politik zurückzukehren, erlangte er seine frühere Bedeutung auf der politischen Bühne nicht wieder zurück. Heute wird der ehemalige Präsident oft zu Vorträgen im Ausland eingeladen, zu Hause ist sein Rat wenig gefragt. Lech Wałęsa hat sich als letzter großer Arbeiterführer im klassischen Sinne des Wortes und als Symbol der größten friedlichen europäischen Befreiungsbewegung, der „Solidarność“, in die Geschichte seines Landes und Europas eingeschrieben.

Krzysztof Ruchniewicz, Lech Wałęsa, in: Dieter Bingen, Krzysztof Ruchniewicz (Hg.), Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Frankfurt/New York 2009, S. 121-125.

Vgl. auch:

Reinhold Vetter, Polens eigensinniger Held. Wie Lech Walesa die Kommunisten überlistete, Berlin 2010.