Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in der polnischen Erinnerung

Selbst der allerkürzeste Blogbeitrag über die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert müsste sich auf drei Jahresdaten konzentrieren: 1918, 1939 und 1989. Das erste Datum betrifft die Wiederherstellung des polnischen Staates nach über hundert Jahre dauernder Teilungszeit zwischen den drei Nachbarn Russland, Deutschland und Österreich. Das zweite Datum stellt die deutsche Aggression auf Polen, die den allegemeineuropäischen Konflikt, und bald einen globalen Konflikt begann, dar. Zusätzlich war der Sieg, der im Fall Polens nach sechs Jahren kam, höchstens ein halber Erfolg. Der Krieg endete mit den großen territorialen Veränderungen Polens und der Abhängigkeit von der UdSSR. Das dritte Datum schließlich war das des Falls des Kommunismus und der Wiedererlangung der Souveränität durch Polen. „Das kurze 20. Jahrhundert“ war für Polen ein langer Marsch zur Unabhängigkeit im Hinblick auf den Staat ebenso wie auf den einzelnen Bürger. Der Mangel an Unabhängigkeit bedeutete darüber hinaus das Fehlen oder eine große Einschränkung der Bürgerrechte.

Trotz der vergangenen Dekaden, trotz der starken Abnahme der Anzahl der Kriegsgeneration, stellt der Zweite Weltkrieg nach wie vor einen zentralen Ort in der polnischen historischen Erinnerung dar. Für über ¾ der Polen ist dieser Krieg ein wichtiges historisches Ereignis. Dafür gibt es einige Gründe. Der erste und offensichtliche sind die enormen großen menschlichen und materiellen Verluste, die die Kriegshandlungen, sowie auch die Politik des Okkupanten auf dem polnischen Territorium hinterließen. Die Erinnerung an die Gefallenen, von den Besatzern ermordeten oder verfolgten Familienmitglieder stellt für ihre Verwandten, sogar für die um einige Generationen jüngeren, ein wichtiges Fragment der Familiengeschichte dar. Dieser Respekt für, der Kult um die für die nationale Frage Kämpfenden ist ein starkes Element der polnischen Tradition; es bildet einen Abschnitt der romantischen polnischen Märtyrologie im 20. Jahrhundert.

Die historische Schulausbildung zur Zeit des Kommunismus hatte sich, wie heute, im Übrigen zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Opfer des Krieges zu festigen. Es sei hinzugefügt, dass in den letzten Jahrzehnten große Veränderungen zustande kamen. In der kommunistischen Zeit wurden die großen menschlichen Verluste, sechs Millionen polnische Staatsbürger, betont, dagegen hat man die Tatsache, dass über die Hälfte davon die polnischen Juden als Opfer der deutschen NS-Vernichtungspolitik ausmachten, nicht sonderlich akzentuiert. Zusätzlich zur Tabusphäre wurden die polnischen Opfer des zweiten Aggressors, der UdSSR, verbannt, der in den Jahren 1939-1941 im Bündnis mit NS-Deutschland die östlichen Teile Polens okkupierte. Nach dem Fall des kommunistischen Systems entfielen die politischen Barrieren in der Schulausbildung und in der Forschung, was das Bild des letzten Krieges besonders beeinflusste. Neben dem 1. wurde nun auch der 17. September, der Jahrestag des Angriffs der UdSSR auf die mit Deutschland kämpfenden Polen, zu einem nationalen Gedenktag. Zu den Kriegsopfern wurden darüber hinaus die von der UdSSR ermordeten Häftlinge, sowie die nach Sibirien oder Kasachstan deportierten polnischen Staatsbürgern hinzugezählt. Für die Verbreitung des Wissens über den Holocaust an den polnischen Juden wurde sehr viel getan.

Ein weiterer Grund für die Dominanz des letzten Krieges in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sind zweifelsohne die politischen Konsequenzen. Die Niederlage Polens war nicht nur eine militärische Niederlage im Zusammenstoß mit Deutschland im September 1939. Der dramatische und angesichts der Untätigkeit der westlichen Verbündeten Warschaus, Frankreichs und Großbritanniens zur Niederlage verurteilte Verteidigungskrieg macht nur die erste Etappe dieser Ereignisse aus. Obschon im Exil die polnische Regierung, die von der Anti-Hitler-Koalition anerkannt war, ihre Geschäfte schnell wiederaufnahm, obschon eine reguläre starke Armee im Westen, wie auch die Untergrundarmee im Lande geschaffen wurde, obschon im Lande während der ganzen Okkupationszeit die konspirative Machtstrukturen, politische Parteien, gesellschaftliche und kulturelle Organisationen tätig waren, hat diese große Anstrengung das gewollte Ziel nicht erreicht: die Freiheit Polens.

Über das Schicksal Polens haben in den Jahren 1943-1945 die Großen Drei politisch entschieden. Das betraf sowohl das Nachkriegsterritorium Polens als auch sein politisches Schicksal. Die Einbeziehung Ostmitteleuropas, auch Polens, in die Einflusssphäre der UdSSR erwies sich sehr schnell nicht nur als eine politische Unterdrückung, sondern auch als eine gesellschaftliche und kulturelle. Schon in den Jahren 1944-1945 schritt die Sowjetisierung Polens voran, deren Höhepunkt in den Jahren 1948-1955 erreicht wurde. Auch in den folgenden Jahrzehnten verweigerte das aufgezwungene kommunistische System die Freiheit und bremste die Entwicklung Polens. Aus diesen Gründen wurde das Jahr 1945, das Jahr des Sieges über NS-Deutschland, das Jahr der Befreiung und der großen Freude durch viele Polen mit gemischten Gefühlen, sogar mit Enttäuschung, gar mit Gefühlen des Unrechts und Verrats wahrgenommen.

Es schien, dass je mehr Zeit seit dem Ende des Krieges vergangen war, desto schwächer die Erinnerung an die einfache Freude der Menschen dieser Tage wurde, dass umso stärker der nicht souveräne Status Polens und seiner Nachbarn betont wurde, desto größer die doppelte Bedeutung des Jahres 1945 als des Endes eines der blutigsten Kriege, aber auch des Beginns der neuen Unterdrückung zum Vorschein kam.

Vor diesem Hintergrund verstärkte sich die Legende vom Polnischen September 1939 als einer trotz gescheiterter Verteidigung heldenhaften Zeit, als Tage der opferbereiten Soldaten und Zivilbevölkerung. Dieser Kampf wurde mit zwei Termini beschrieben: Septemberkampagne und Verteidigungskrieg. Im Laufe der Zeit setzte sich die zweite Bezeichnung durch, die die große Anstrengung der polnischen Armee besser widerspiegelte und den Eindruck einer schnellen und vernichtenden Niederlage im Kampf mit den Deutschen verringerte. Vielleicht war das eine gewisse Reaktion auf den Schock des schnell verlorenen Krieges, worauf die polnische Gesellschaft überhaupt nicht vorbereitet war. Erst der deutsche Blitzkrieg im Westen im Jahre 1940 schwächte den Eindruck der totalen Niederlage Polens etwas ab, indem gezeigt wurde, dass das große Frankreich ebenfalls seine Unfähigkeit zur Verteidigung gezeigt hat.

Selbstverständlich war (und ist) der Verteidigungskrieg 1939 ein Thema von zahlreichen Studien der Historiker. Trotz vieler Einschränkungen kam es zu beachtenswerten Ergebnissen auf diesem Gebiet auch die Historiographie der VRP, obwohl sie aus offensichtlichen Gründen mit den Ereignissen des 17. Septembers und dessen Einflusses auf die Ereignisse an der Westfront nicht beschäftigen konnte. Zurzeit verfügt der Leser über synthesenartige Abhandlungen, Monographien von einzelnen Schlachten, Biographien von Führern der polnischen Armee, eine Unzahl an Erinnerungen von diesen sowie von einfachen Soldaten. Die Hauptereignisse, die mit diesen Vorgängen verbunden sind, sind die Verteidigung des Militärstützpunktes auf der Westerplatte bei Danzig, die Schlacht an der Bzura und die fast drei Wochen dauernde Verteidigung Warschaus.

Dieses Fragment der polnischen Geschichte hat auch eigene Helden, obschon zu ihnen keine Vertreter der damaligen polnischen Regierung oder der Militärführung gehören, sondern die Führer der einzelnen Schlachten. Es ist interessant, dass besonders zwei Personen in den Vordergrund rücken, die man als Vertreter der breiten gesellschaftlichen Kreise bezeichnen kann, und nicht der engeren Eliten. Die erste Person war ein Offizier, Major Henryk Sucharski, der die siebentätige Verteidigung der Westerplatte leitete, die keine militärische, sondern rein psychologische Bedeutung hatte. Die zweite Person war der Oberbürgermeister von Warschau, Stefan Starzyński, der durch die Gestapo in Warschau (oder der nächsten Umgebung) Ende Dezember 1939 erschossen wurde. Wegen der Evakuierung der polnischen Regierung wurde er zur wichtigsten Person in der Hauptstadt, die die Verteidigung Warschaus organisierte und die Warschauer in den tragischen Tagen der Belagerung unterstützte. Seine bis heute erhalten gebliebenen Radioauftritte sind gewissermaßen eine überzeitliche Stimme der damaligen Ereignisse.

Der Verteidigungskrieg Polens besteht nicht nur aus militärischen Aktionen; er beschränkt sich nicht nur auf die Bilanz der Konfliktseiten und die gegenseitigen Verluste an Soldaten und militärischer Ausrüstung. Von Anfang an war dieser Krieg als Krieg gegen die Zivilbevölkerung gedacht. In dieser Form wurde er in den ersten Septembertagen, u.a. dank der Fotos des amerikanischen Fotografen, Julien Bryan, dokumentiert. Eines seiner Fotos wurde zum Symbol des Leidens der Zivilbevölkerung. Es zeigt die Verzweiflung eines Mädchens, das sich über die Leiche einer jungen Frau beugt, die Opfer des Beschusses eines deutschen Jagdfliegers wurde. Es war allgemein bekannt, dass die deutschen Jagdflieger nicht nur die Militärkolonnen, sondern auch die zivilen Flüchtlinge beschossen haben, dass die Hauptstadt während der Belagerung massiv bombardiert wurde. Die Höllenqualen der Zivilbevölkerung standen lange Zeit im Schatten der militärischen Aktionen. Sie wurden als Nebeneffekt gesehen und nicht als gezielte Aktion von Seiten des Aggressors.

Die Fakten der Morde an der Zivilbevölkerung, der Vernichtung der Dörfer und Kleinstädte ohne jeglichen militärischen Wert blieben, obschon in lokalen Gesellschaften sehr gut bekannt, Eigentum der Fachhistoriker. Es ist schwer zu erklären, wie es dazu kam. Obschon die Rücksichtslosigkeit der deutschen Armee und des sie begleitenden Sicherheitsapparates betont wurde, funktionierte eine Reihe von sie belastenden Fakten eher am Rande der Septemberereignisse. Die nach dem Krieg ins Leben gerufene Hauptkommission zur Erforschung des Hitlerverbrechens (Glowna Komisja Badan Zbrodni Hitlerowskich) sammelte viele Materialien darüber, sie reichte auch die Anklageschriften an die Bundesrepublik weiter. Allerdings wusste man in Polen über die den Marsch der Wehrmacht nach Osten begleitenden Verbrechen recht wenig.

Das beste Beispiel stellt das Städtchen Wielun, das während der Bombardierung völlig zerstört worden ist. Man kann sie als Muster für die weiteren Aktionen der Flächenbombardements nennen, wenngleich ihr Ziel nur eine einige Tausend Bewohner zählende Stadt war. Die Bomben auf die Stadt, die noch schlief, von keiner militärischen Bedeutung war, mit der man die Totalität dieses Aktes und schnelle Vernichtung erklären könnte, begannen noch vor dem offiziellen Ausbruch des Krieges zu fallen. Die Stadt wurde zu 70% zerstört, 1200 Bewohner verloren ihr Leben. Es wurde u.a. ein gut gekennzeichnetes Krankenhaus bombardiert, den Piloten musste also bekannt sein, welche Folgen ihre Handlungen haben.

Eine gewisse Karriere Wieluns begann vor über zehn Jahren, als die Bemühungen von Bewohnern der Stadt selbst, aber auch von Seiten des deutschen Journalisten, Joachim Trenkner, zur Folge hatten, dass die Tragödie des Städtchens entsprechend gewürdigt wurde. Zurzeit dauert eine gewisse Konkurrenz über den Ort und die Uhrzeit des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges an: Westerplatte – 4.45, Uhr oder Wielun – 4.35. Uhr. In dieser Konkurrenz können wir zwei Strömungen bei der Beschreibung des Krieges festmachen: eine militärische Ebene verbunden mit der Aktivität der Militäreinheiten und einer Ebene der Erfahrungen der Zivilbevölkerung, wehrlosen Menschen, die als Objekt der Vernichtung und der einfache Beute betrachtet wurden.

Die Verteidigung der Westerplatte steckt so tief in der polnischen historischen Erinnerung, dass die Frage Wieluns und anderer durch Bombardierung zerstörter Kleinstädte (wie Sulejow, Frampol) die Hierarchie der Ereignisse nicht verändern wird. Sie kann aber das Bild dieser Etappe des Zweiten Weltkrieges zusätzlich bereichern, der von Anfang an keine Episode in der Verletzung der Genfer-Konvention, sondern vor allem ein Vernichtungskrieg war. Er bereitete die deutsche Armee darauf vor, ihn zu führen, und gewöhnte die Soldaten an die Rücksichtslosigkeit, deren grausame Früchte nach dem Angriff auf die UdSSR im Juni 1941 sichtbar wurden.

Dieses Problem müssen wir mit einer generellen Beurteilung der Wehrmacht verbinden. An dieser Stelle erübrigt sich eine Behandlung der äußerst spannenden deutschen Diskussion, die sich mit den in den Reihen der deutschen Armee herausgebildeten und funktionierenden Mythen auseinandersetzte. Es ist sicherlich ein Beispiel für die kritische Beschäftigung der Deutschen mit ihrer NS-Vergangenheit. Nun möchte ich betonen, dass sich das Wissen über die Wehrmacht als Mitorganisatorin und Mitvollzieherin der NS-Vernichtungspolitik sehr lange auf die Zeit nach 1941 beschränkte. Die Ereignisse in Polen im Herbst 1939 zeigen, dass die Grenzen für die in der zivilisierten Welt geltenden Normen der Kriegsführung (obschon diese Feststellung heute etwas verdächtigt klingen mag) nicht erst in Weißrussland oder in der Ukraine überschritten wurden, nicht nur in Bezug auf die jüdische und die dort ansässige slawische Bevölkerung, oder in Bezug auf die sowjetischen Häftlinge überschritten wurden, sondern bereits in den ersten Tagen des Zweiten Weltkrieges.

Dieser den deutschen Soldaten empfohlenen „größten Brutalität“ fielen als erste polnische Staatsbürger zum Opfer: Juden und Polen. Nicht nur die Bombardierung der wehrlosen Siedlungen, aber auch Morde und Hinrichtungen von Zivilbevölkerung und Häftlinge, die Raubüberfälle, Schlägereien, Vertreibungen, Brandstiftung machen den sogen. „Polenfeldzug 1939“ aus. Sie blieben damals ebenso ungestraft, wie in der Zeit der späteren Verfolgung der NS-Verbrechen.

Autor: Krzysztof Ruchniewicz

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